Ilse Bindseil

Die Intellektuellen und der Golfkrieg

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»Pinscher – Hunderasse mit aufrecht stehenden Ohren: wir kennen Pinscher, Rehpinscher, Rattenpinscher, Zwergpinscher und Affenpinscher, im übertragenen Sinne den Pinscher auch als Kennzeichnung eines Menschen, der trotz fehlendem Sachverstand über alles und jedes ein Urteil abgibt.« Eine Werbeanzeige der Weberbank im Tagesspiegel vom 9.Dezember 1990 hatte den Skandal in Erinnerung gebracht: »Verärgert über ihre Uneinsichtigkeit und Nörgelei an der Marktwirtschaft«, fährt die Anzeige fort, »bezeichnete Ludwig Erhard seine intellektuellen Widersacher einmal als Pinscher.« Sofort stellt sich die Atmosphäre von damals wieder her, der ohnmächtige Zorn, daß Erhard in der Nachnazirepublik so etwas sagen durfte und daß ihn keiner zu Konsequenzen zwingen konnte. »Um was ging es?« fragt die Weberbank. »Ludwig Erhard befreite die kriegszerstörte Wirtschaft von ihren Fesseln. Nicht Planung und Kartelle, sondern freier Preis und Wettbewerb sollten den Markt regulieren. Die Mehrheit der Intellektuellen lehnte diesen Weg ab.«

Die freie Erörterung und Aufarbeitung eines alten Traumas der Achtundsechziger und Vorachtundsechziger durch eine Privatbank hat etwas Faszinierendes. Der intellektuelle Leser fühlt sich mystifiziert und zugleich wie zur Auflösung des Rätsels bestellt, wird er doch gleichsam als Germanist angesprochen, als Sprachanalytiker mit der Analyse des in der Anzeige ebenso souveränen wie schwachsinnigen Gebrauchs der Begriffssprache und Reflexionsform der Intellektuellen betraut. Wer weiß, vielleicht hat sie ja ein ehemaliger Achtundsechziger formuliert, der in die Werbung gegangen ist!

»Der Grund für die falsche Einschätzung der wirtschaftlichen Lage durch die Intellektuellen hängt mit dem Unterschied zwischen Intelligenz und Intellektualismus zusammen. Ein Intellektueller bezieht sein Urteil aus innerer Anschauung, aus subjektiver Einbildung, nicht aus Reflektion [Schreibweise gelassen], der Intellektuelle verzichtet auf sinnliche Wahrnehmungen seiner Umgebung … Der Pinscher, den Ludwig Erhard meinte, ist ein Produkt des Intellektualismus, der nicht den Willen besitzt, seine vorgefaßte Meinung zu ändern. Er weigert sich, das Alltagsgeschehen als Teil der Gesamtlage zu erkennen. Statt dessen ›verdinglicht und personifiziert‹ der Intellektuelle Begriffe wie beispielsweise den Kapitalismus.«

Beim Wiederlesen dieser Sätze wird einem sofort klar, daß sie nicht nur an einen Germanisten appellieren, sondern womöglich von einem Germanisten verfaßt sind; wem sonst sollte die ›innere Einbildungskraft‹ etwas sagen? Wer es versäumt, die Anzeige sogleich in den Papierkorb zu werfen, erlebt, aufgestachelt von der Unverfrorenheit der Argumentation und zugleich merkwürdig entkräftet angesichts der Aufgabe, sie auseinanderzunehmen, wie der Ludwig-Erhard-Effekt, so viele Jahre später, sich einstellt: Ressentiment und ohnmächtige Wut. Was für ein Spielraum bleibt eigentlich, wenn die, die das Kapital repräsentieren, sich zugleich der Sprache der Intellektuellen bedienen? »Marx, seine Schüler und die Intellektuellen sehen im Kapitalismus eine geheimnisvolle Kraft, die in das … Leben eingreift und es nach der Logik der Geschichte zerstört. Bei Eiferern und Fundamentalisten rückt der Kapitalismus in die Rolle des Teufels. Ein Rückfall in die Magie des Mittelalters. Ist das der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie der Königsberger Philosoph Immanuel Kant im Jahre 1783 die ›Aufklärung‹ beschrieb?«

2

Über Weihnachten 1990/91 hatte die mit einem schwarzen Trauerbalken und einer zentrierten, ebenfalls tiefschwarzen »Pinscher«-Überschrift versehene Anzeige auf meinem Schreibtisch das gewöhnliche Schicksal ereilt: sie war durch Gewöhnung unsichtbar geworden. Ich hatte bereits einen Artikel mit dem Zitat des ebenfalls zu einer sprachanalytischen Betrachtung aufrufenden Friedensslogans »Kein Blut für Öl« darübergepinnt, als mir der tiefere oder jedenfalls der neuzeitlichere Grund für den Ludwig Erhardschen Aufstachelungs- und Entkräftungseffekt unvermittelt aufging: Ludwig Erhard hatte nämlich recht; Pinscher waren die Intellektuellen, sonst nichts!

Der Grund für diesen sei’s subjektiven, sei’s objektiven Zusammenbruch meiner bisherigen Einschätzung ist natürlich im Golfkrieg zu suchen beziehungsweise darin, wie die Intellektuellen sich zum Golfkrieg gestellt haben. Freilich kündigte das Drama sich bereits bei der Wiedervereinigung an, und tatsächlich nimmt die »Pinscher«-Annonce der Weberbank auf dieses Ereignis Bezug. »Als sich nach der Öffnung der Mauer Intellektuelle dafür einsetzten, dem Gebiet, das sich DDR nannte, die staatliche Existenz zu erhalten, zeigte sich auch darin ihre Realitätsferne. Denn die tatsächliche Lage ließ eine solche Lösung nicht zu.«

Vielleicht ist die Anzeige ja wirklich von einem ehemaligen Achtundsechziger verfaßt, werden die Intellektuellen doch so ernst genommen, wie sie sich zu Ludwig Erhards Zeiten selbst ernst nahmen. Oder liegt das am deutschen Thema, das in besonderer Weise der Einigkeit des ›Volkskörpers‹ bedarf? Feierlich ins Desiderat gerückt wird dagegen, was längst mediale Wirklichkeit geworden ist: »Intellektualismus hat einen hohen Unterhaltungswert, er ist ein reizvoller Farbtupfer und Anreger in jeder Gesellschaft, seine Existenz sollten wir begrüßen, ihn aber nicht zu ernst nehmen und ihn daran hindern, Einfluß auf gedankenarme Menschen zu gewinnen.« Hat der Achtundsechzigerkollege die Bedeutung der Intellektuellen wirklich überschätzt, oder trägt er nicht vielmehr einem immanenten Widerspruch der Entdämonisierung des Intellektuellen zum »Farbtupfer« und »Unterhaltungskünstler« gewissenhaft Rechnung: daß er nämlich erst in diesem neuen, telegenen, talkshowgerechten Zustand »gedankenarme Menschen«, und zwar millionenfach, erreicht?

3

Vergegenwärtigen wir uns die intellektuelle Atmosphäre, in der die Pinscher-Debatte stattfand. Im ernsthaftesten Fall wurde Ludwig Erhards Beschimpfung als Signal zu einer Intellektuellenhatz aufgefaßt, wie sie seit dem Schicksal der Intellektuellen im Dritten Reich eigentlich tabu war. Im satirischen und vielleicht selbstbewußtesten Fall wurde die Beschimpfung als Kompliment und Appell aufgefaßt: Der Intellektuelle, als Pinscher, war der, der den Mächtigen ans Bein pinkelte. Ans Bein pinkeln, das war eine respektlose, in all ihrer Belanglosigkeit souveräne, der eigenen Bedeutungslosigkeit treuherzig bewußte, aber den, den es traf, absolut kränkende, ihn der Lächerlichkeit und Verachtung preisgebende Tat.

Heute dagegen hat das Ans-Bein-Pinkeln der Intellektuellen sich zu seiner höheren oder tieferen verhaltenstheoretischen Wahrheit durchgearbeitet und stellt sich als Markieren in der ganzen sozialen Tragweite dieses modernen Begriffs, als Nachweis der eigenen Existenz und zugleich Fabrikation eines sozialen Netzwerks vermittels eines lückenlosen, an der je besonderen Duftnote unterscheidbaren aktiven Bepinkelns dar. Heute kehrt es jene unbeirrt emsige Seite heraus, die es im animalischen Zusammenhang immer schon hat, jenes an die Ereignisse weniger vertrauensvoll als vielmehr unwillkürlich, aus vitalem Bedürfnis, Sichanschmiegen und die Großen, die die Ereignisse regieren, durch emsiges Vor- und Zurücklaufen förmlich Umspielen, ohne das wir uns die forsche Gangart des Pinschers und seiner Gattung nicht denken können.

Wirklich erst heute? Vielleicht war es ja schon immer so, und es ist nur niemandem aufgefallen. Vielleicht haben wir, die Intellektuellen, es uns bloß zu lange im trostspendenden Schatten des Dritten Reichs wohlsein lassen und uns aus der Art, wie jenes mit den Intellektuellen verfuhr, moralische Gewißheit hinsichtlich unseres eigenen, im Zweifelsfall heroischen Tuns verschafft, uns, um es in der Sprache der Achtundsechziger zu sagen, über die Intellektuellen im Dritten Reich definiert. Die ungenierte Inanspruchnahme unseres Kant und unserer »Aufklärung« durch die Weberbank, die unvermutete Offenbarung einer gemeinsamen Basis für – in den Worten der Weberbank – »Intelligenz« und »Intellektualismus«, »ernste Politik« und »Schriftstellerei«, oder sagen wir Bankwesen und Intellektuelle läßt jedenfalls Unheilvolles vermuten. Sie läßt vermuten, daß es sich beim Faschismus vielleicht um eine durchaus künstliche Entzweiung des bürgerlichen Staats mit seinen Intellektuellen gehandelt hat und daß es keinen Sinn hat, aus dieser ins Notverordnungsprogramm des bürgerlichen Staats gehörenden Ausgrenzung und Abstoßung der Intellektuellen etwa auf ihre prinzipielle Antistaatlichkeit zu schließen. Und ebensowenig läßt das traurige Schicksal, das durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch den bürgerlichen Intellektuellen von im Kern reaktionären, nicht zu bürgerlicher Zivilisiertheit gelangten oder refeudalisierten Staatsagenten bereitet wurde – ein Schicksal, das dann, wie es schien, konsequent in der faschistischen Liquidierung endete –, auf diese prinzipielle Antistaatlichkeit schließen. Daß die Intellektuellen vom Staat, und zwar vom Metternichschen bis zum bundesrepublikanischen Staat, allerdings in die Ecke einer prinzipiellen Staatsfeindschaft gestellt wurden, diese Etikettierung taugt für eine wirkliche Einschätzung so wenig wie der amerikanische Persilschein für eine verläßliche Entnazifizierung. Und ebensowenig taugt für diese Einschätzung die vereinheitlichende Definition, die die Intellektuellen speziell unter dem Verdikt des Dritten Reichs – und zwar von Thomas Mann bis Heinrich Mann, links von dem dann in der Regel nichts Wesentliches mehr vermutet wird – ereilt. Aus der bekannten Tatsache, daß in Deutschland bürgerliche Grundrechte nie vollständig und schon gar nicht gesichert gegolten haben, folgt ja noch lange nicht, daß die bürgerliche Grundrechtsposition eine keiner systematischen Infragestellung, keiner Grenzbetrachtung bedürftige Position verkörpert, zumal bürgerliche Repression in Gestalt des Ausländergesetzes oder einer hochgerüsteten Polizei über mangelnde Konjunktur sich nicht zu beklagen braucht und das Jenseits bürgerlicher Grenzen in Gestalt marginalisierter Massen unübersehbar existent ist. Ebensowenig folgt aus der Tatsache, daß in den vielfachen Verkörperungen des reaktionären Deutschland die Gedanken nicht frei waren, daß die Intellektuellen, diese berufsmäßigen Verfertiger von Gedanken, stets auch materiell von einer makellosen und begrüßenswerten Unfreiheit, sprich Unschuld verbürgenden Armut, gewesen wären. Und ebensowenig folgt aus dem Anschein, daß im entnazifizierten Deutschland wenigstens die Gedanken frei sind, die Tatsache, daß das intellektuelle Urteil hier durch kein materielles Interesse versklavt wäre. Im Gegenteil deutet der Umstand, daß sowohl die private Weberbank als auch wir alle andern nach wie vor – und seit der Renaissance bürgerlicher Bewegungen mehr denn je – uns auf Kant und die Aufklärung berufen, darauf hin, daß zwischen der bürgerlichen Ökonomie und den Intellektuellen, unterhalb der Ebene des Wortgefechts, ein aus der intellektuellen Erörterung im wesentlichen ausgegrenzter Konsens, ein durch keine Grenzbetrachtung zum Thema gemachter materieller Interessenpakt besteht. Folgen wir an diesem Punkt der Dialektik der Aufklärung, dann müssen wir zugeben, daß dieser Interessenpakt uns systematisch im Vorfaschismus situiert oder jedenfalls beweist, daß die Intellektuellen trotz Auschwitz eins jedenfalls nicht wollen: den bürgerlichen Staat systematisch in Frage stellen.

4

Aber auch wenn die vielbeschriene Subversion der Intellektuellen in Wirklichkeit schon immer eher eine parasitäre Symbiose war, so ist in letzter Zeit vielleicht ein qualitativ neuer Punkt erreicht. Das auffälligste Zeichen dafür ist, was bereits anläßlich der Wiedervereinigung festzustellen war und sich ansonsten als ein mit dem zweiten Golfkrieg einhergehendes Novum ins Gedächtnis graben wird: daß sich nämlich alle, und zwar alle Intellektuellen zu Wort meldeten. Fragt sich nur, warum.

Ist es vielleicht deshalb, weil die »Umwertung aller … Werte«, wie Freud sie in seiner Traumdeutung vorführt, im Osten eine ganze Intellektuellenriege auf die Anklagebank gesetzt hat? Hat diese beinahe jeden in den Verdacht der Stasimittäterschaft ziehende Umwertung die hiesigen Intellektuellen nicht förmlich dazu gezwungen, die offenbar gewordene Korrumpierbarkeit und Haltlosigkeit der Intellektuellen durch rückhaltloses Aufdecken wieder in den Zustand der Latenz zurückzuzwingen, das allgemeine Urteil, das in dem offenbar gewordenen Verhalten der DDR-Intellektuellen steckt, durch frontalen Angriff eisern über die Elbe, da, wo es vermeintlich hingehört, wieder zurückzudrängen?

Der Punkt scheint kleinkariert, aber er zielt ins Zentrum. Nicht nur liefert beispielsweise das (Medien)schicksal Christa Wolfs, diese merkwürdige Neuauflage früherer Nazi-Entlarvungs-Kampagnen, wie sie seinerzeit u.a. von Die Zeit so unerschrocken geführt wurden, jeden Grund, sich auch über jenen jetzt beinahe endgültig der Geschichte angehörenden Selbstreinigungsprozeß der Intellektuellen Gedanken zu machen. Diese Gedanken führen unvermeidlich auch in die Zukunft der Wiedervereinigung, das heißt zum Golfkrieg und dem, was wir in seinem Gefolge noch zu erwarten haben. So nämlich, wie kritischen bundesdeutschen Intellektuellen die nationalsozialistische Jugendsünde, engagierten, auf konkrete Vermittlung bedachten DDR-Intellektuellen eine privilegiensüchtige Korruption durch den Staatsapparat nachgewiesen wurde, so wurde der per definitionem – per definitionem der deutschen Geschichte von direkten Militärschauplätzen nämlich grundgesetzlich ferngehaltenen – honorigen bundesdeutschen Geschäftswelt das heimliche Geschäft mit dem Gas nachgewiesen. Und wie es nach der Wanderung durch das Geheimnis, der Passage durch das Kanalisationssystem der Gesellschaft, nun einmal ist: die Untat trat in grellen Farben, als das schlechthin Unverdauliche, das Auszustoßende schlechthin, der Angriff auf das Gemeinwesen hervor, während sie in Wirklichkeit doch nur die andere Seite dieses Gemeinwesens, das durch Umwertung perhorreszierte Identische, ist.

Kein Wunder, wenn gerade solche robusten Aufdeckungsaktionen und Entlarvungsdebatten um Randerscheinungen den braven Leser, Hörer, Fernsehzuschauer jedesmal wie in den Eingeweiden zerreißen, sitzt tatsächlich keineswegs bloß der skandalöse Einzelfall, die beruhigende Ausnahme, sondern unter dem Deckmantel dieses Einzelfalls das Allgemeine, unter dem Deckmantel der Ausnahme er selbst, der nun weiß Gott den harmlosen Normalfall verkörpernde Bürger, auf der Anklagebank. Da aber die ganze Aktion gerade die Suggestion eines von strukturellem Faschismus, struktureller Korruption, strukturellem Mordgeschäft freien Gemeinwesens nicht nur erhalten, sondern in diesem mutigen Fall von Entlarvung, in diesem mutigen Kampf gegen Verdrängung, dieser Paradetätigkeit des Intellektuellen, allererst erzeugt werden soll, so weiß der harmlose Bürger beim besten Willen nicht, was ihn eigentlich zerreißt. Geradezu als ein Zeichen bürgerlicher Gesundheit ist es anzusehen, wenn er schließlich mit dem altgewohnten, im Faschismus zu besonderer Vollkommenheit gediehenen antiintellektuellen Affekt reagiert, Nestbeschmutzung wittert, wo das Nest erklärtermaßen gerade gereinigt werden sollte, und die Intellektuellen samt und sonders für Pack erklärt.

5

Der Versuch, einen qualitativ neuen Punkt zu beschreiben, führt unvermeidlich auf Erklärungen für Althergebrachtes zurück. Nimmt man sie ernst genug, dann erkennt man, daß sie bis weit in die Nazizeit zurückführen. Erinnern wir uns, worin – um einen Begriff Primo Levis aus seinem 1988 in der Hanser-Ausgabe seines Auschwitzberichts erschienenen Essay »Erinnern als Wunde« zu verwenden – die »aufbereitende« Arbeit nationalsozialistischer Ideologen besteht, nämlich nicht in der Nachschöpfung materieller Umwälzungen, sondern in der geistigen Umwälzung ansonsten unangefochten fortexistierender materieller Verhältnisse, genauer in der Darstellung ihrer als umgewälzte, in unsern Worten also in einer radikalen Umwertung aller mit Macht weiterbestehenden Werte, so sticht die Übereinstimmung mit der tagtäglichen Arbeit bürgerlicher Intellektueller unter dem Streß des Golfkriegs ins Auge. Auch in weniger dramatischen Zeiten bereitet der Intellektuelle die Wirklichkeit auf, aber er wälzt sie nicht um. Unter der Fuchtel eines dramatischen Ereignisses, das mit Entscheidungen über Leben und Tod winkt, spitzt das Verhältnis sich zu: Wo Hussein und Israel involviert sind, ergibt die Assoziation ans Dritte Reich sich scheinbar von selbst, woraus scheinbar ebenso zwanglos die historisch beglaubigte heroische Rolle der USA folgt. In Wirklichkeit hat eine enorme Arbeit stattgefunden, um dem fremdem, nicht nur nach Begreifen, sondern nach Durcharbeiten, das heißt einer dauerhaften Revolutionierung aller gewohnten Denkverhältnisse im europäischen Kopf verlangenden Zusammenhang den vertrauten Ausdruck von (längst) Wiedererkanntem und Begriffenem sowie – per NATO und UNO-Bündnis – verantwortungsbewußt und zweckmäßig, das heißt an Ort und Stelle, Zurechtgestutztem zu geben. Es ist dabei wie mit den Schnitten beim naturwissenschaftlich aufbereiteten Präparat: Ist der Schnitt einmal gelegt – etwa als eine Achse, die von Hitler zu Hussein führt –, dann kann man nicht mehr anders, als ihn für die Naturseite, die Naturkante, des Gegenstands zu halten. Nicht eine willkürliche Ansicht eines durch die strukturierende Operation selbst insgesamt artifiziell gewordenen Präparats glaubt man folglich zu sehen, sondern buchstäblich das &Innere des Gegenstands.

Der Intellektuelle, der den Golfkrieg aufbereitet, tut dies mit sämtlichen Konsequenzen, die Primo Levi für die »Vergangenheitsaufbereitung« geltend macht, das heißt mit allen Konsequenzen, was das Verschwimmen der Grenzen zwischen, wie Primo Levi es nennt, »Treu-und-Glauben« und »Wider-besseres-Wissen«, mit allen Konsequenzen, was die relative Intaktheit der Person, ihr relativ gutes Gewissen, ihre relative Fähigkeit, mit anderen, nicht mit denselben Erinnerungen Beladenen, nicht von demselben Schicksal, derselben Verantwortung Gezeichneten zusammenzuleben, betrifft. Unter strikter Hingabe an die »unbewußten Traumtätigkeiten«, die Freud unter der Bezeichnung »Die Darstellungsmittel des Traums« aufführt und die sämtlich auf die »Umwertung aller psychischen Werte« hinauslaufen, »verdichtet« er etwa Hitler und Hussein zu einer Person oder Zyklon B und die an Hussein gelieferten Gaswaffen zu einem Mordinstrument und gibt damit der Geschichte ein plausibles, kantiges Traumrelief von – auch dies eine Traumeigentümlichkeit – geradezu sinnlicher Intensität und Dichte; er münzt, ein klassischer Fall von »Verschiebung«, das eigentlich zu erarbeitende theoretische Verhältnis zu Auschwitz in die moralische Forderung nach Solidarität mit Israel um oder läßt, in einem ebenso klassischen Fall von »Darstellung durch das Gegenteil«, die geforderte Einsicht in den Zwangszusammenhang von Kapitalismus und Auschwitz in der Forderung nach Unterstützung des Kapitals im Nahen Osten erfüllt sein; er steht, in einem nicht minder klassischen Fall von »Trennung von Affekt und Sache«, in fassungslosem Stupor vor der Bedrohung Israels und in als intellektuelle Epoché ausgegebener Gleichgültigkeit – denn Krieg ist nun mal Krieg – vor dem Bombardement der irakischen Bevölkerung; unfähig offenbar, von der zusammenhängenden Wirklichkeit des Nahostkonflikts jeweils mehr als nur ein mit radikalem Schnitt, radikalem Bewußtseinsschnitt nämlich, herausgelöstes Segment auf einmal zu betrachten, spaltet er die Wirklichkeit auf, ist, umfassend gebildeter, routiniert formulierender Intellektueller, der er doch ist, wie ein schwer Gehandikapter offenbar nicht mehr dazu imstande, beispielsweise die Wörter ›Israel‹ und ›Öl‹ oder ›irakischer Diktator‹ und ›westliches Kapital‹, ›vergewaltigtes Kuwait‹ und ›Teilhaber von Mercedes‹, ›atlantischer Handelskrieg‹ und ›internationale Golfallianz‹ so in einem Satz zusammenzubringen, daß die eine Information nicht in dem Moment, wo sie das Feld betritt, die andere aus eben diesem Feld hinausschießt.

Er tut damit etwas, was Primo Levi – und allein das ist ein Grund, ihn heute zu zitieren – ausdrücklich und gegen alle Aufspaltungstechnik gleichermaßen für die Vergangenheitsaufbereitung von Tätern und Opfern, Eichmann und die Überlebenden von Auschwitz, für Leute, die sich ihrer Taten schämen müßten, und solche, die sich des ihnen Angetanen schämen, geltend macht, als ein durchaus objektives Schicksal, einen von beiden Seiten zu tragenden Verlust der Verfügung über das Gewesene oder das Ganze beschreibt. Diesem objektiven Schicksal verdankt es sich auch, wenn im Golfkrieg die psychische Arbeit der Gegner im ideologischen Krieg sich gleicht: Bagdad mit Dresden zu identifizieren ist nun mal, seiner mechanischen, technischen, seiner Traumarbeitsseite nach, nicht etwas ganz und gar anderes als die Verdichtung Hitlers und Husseins zu einer Person. Im Gegenteil, die übersprungshafte Ineinssetzung von Bagdad und Dresden folgt viel eher der Logik der faschistischen Aufbereitungsarbeit, dem sturen Modell des ›Rache für Versailles!‹, ›Kampf der Übermacht!‹ als die bemühte Ineinssetzung von Hitler und Hussein und ist, gerade in der zugrunde liegenden Identifizierung des Großdeutschen Reichs mit dem ›kleinen‹ Irak, als ein Beispiel für spontanen beziehungsweise quasimechanisch ausgelösten Rechtsradikalismus auch viel eher der Rechtsnachfolger der Naziideologie als etwa die bewußte Parteinahme für die USA als Retter Israels.

Freilich geht es hier nicht um die Stimme des Volkes, sondern um die Intellektuellen, und da sieht der Fall genau andersherum aus. Schließlich müßte er, der Intellektuelle, von dieser Art Tätigkeit im Prinzip frei sein, die Primo Levi ebenso wie Freud ja zu den unbewußten, lediglich unter dem äußersten Druck der Bestrafung oder Bedrohung die Oberhand gewinnenden Tätigkeiten zählt. Als Intellektueller müßte er sich ausdrücklich, nämlich kraft der Definition seines Produktionsmittels Verstand, als jemand begreifen, der die spontane oder manipulierte Verdrehung der Wirklichkeit konterkariert, der Verdichtungen auflöst, Verschiebungen rückgängig macht, die Darstellung durch das Gegenteil durch die Gegendarstellung korrigiert, und dies ist ja auch in etwa der Anspruch des klassischen Intellektuellen, des liberalen Journalisten oder Kommentators beispielsweise, der seine intellektuelle Tätigkeit als eine gesellschaftliche Tätigkeit und Profession sui generis begreift. So wie Freud die Tätigkeit des Analytikers in dürren, gegen alles therapeutische Agieren gerichteten Worten als ein Auflösen von Widerständen definiert, so definiert auch er, der klassische Intellektuelle, seine Tätigkeit als einen von aller spontanen Ideologieproduktion nicht nur sorgfältig abzugrenzenden, sondern qualitativ unterschiedenen Beruf. Aufbereiten oder spontan produzieren, das tut ja schließlich jeder, insofern ihm eine – wie Boris Becker sagt – mentale Ausstattung mitgegeben ist, und er tut es in dem Maß, wie er unter Druck gerät. Der Intellektuelle dagegen, der nicht spontan produziert, sondern sich bewußt auf seinen Verstand zurückzieht, ja diesen Umweg als seine ganz spezifische gesellschaftliche Tätigkeit kultiviert, als seinen häufig sogar einzigen Beitrag zur Herstellung der Gattung versteht, bezieht seine Existenzberechtigung aus der transzendentalen, nicht bloß zufälligen oder empirischen Abgrenzung von jeglicher Art spontaner Produktion, ressentimentgeleiteter Erkenntnis, fremd-, oder triebgesteuerter Vernunft.

Seine Existenzberechtigung, wohlgemerkt, nicht seine Existenz; denn in dem Moment, wo er an der Aufbereitung der Wirklichkeit, nicht am Abtragen ihrer Aufbereitungen sich beteiligt, wo er die »psychische Arbeit« auf der Ebene der intellektuellen Arbeit, »mit der Bosheit einer reflektierten Bildung ausgestattet« (Meneghello), reproduziert, existiert er zwar immer noch als ein von Volkes Stimme durch den systematischen Gebrauch des Verstandes deutlich unterschiedener Intellektueller, aber er wird im unmittelbaren Sinn zu dem, was wir als Bezeichnung eigentlich für mittelbares Tun bereithalten: zum Schreibtischtäter.

Versucht man, diese Unterscheidung auf die zitierten Gegner im ideologischen Golfkrieg anzuwenden, so wird man einerseits zu dem Schluß gelangen müssen, daß, bei aller formalen Übereinstimmung, die Identifizierung von Bagdad mit Dresden doch etwas qualitativ anderes als die Identifizierung Husseins mit Hitler ist, da es sich bei ersterem um eine sekundäre intellektuelle Fassung eines politischen Ressentiments, bei letzterem jedoch um einen Mißbrauch der Verstandeskräfte als solcher handelt. Man wird andererseits zu dem Schluß gelangen müssen, daß, völkische Entgleisungen à la ›Bagdad gleich Dresden‹ bereits abgezogen, die geschilderte Perversion des Intellektuellen ein konstitutionelles Merkmal seiner Tätigkeit, Schreibtischtäter also vermutlich die für seine ganze Profession, sofern sie nicht auf dem schmalen Grat einer in Bundesdeutschlands Mediendschungel gar nicht zugelassenen unabdingbar radikalen Staatskritik wandelt, zutreffendere Bezeichnung ist. Man müßte sich nur gewöhnen, den Schreibtischtäter nicht als jemanden zu verstehen, der mit einem Federstrich Hunderttausende umbringt, sondern als jemanden, der mit jedem Federstrich das ihm anvertraute Reflexionsvermögen Hunderttausender umbringt. Fragt sich, was das Schlimmere ist.

6

Bekanntlich versucht der Intellektuelle sich mit Hilfe der Produktion von Reflexionen zu reproduzieren, und zwar nicht bloß in der faktischen Weise der Existenzsicherung, sondern ebenso in der ideellen Weise der Reproduktion des gesamten Arsenals der bürgerlichen Person, auf das er – wenn er denn müßte und man seiner bedürfte – bei der Verfertigung seiner selbst und der Gattung sich stützen könnte oder jedenfalls angewiesen wäre. Je unumschränkter dank der Medien die Tätigkeiten des Bewußtseins von der Lohnstruktur erfaßt werden, desto mehr werden in seinen Reflexionen öffentliche, vom Lohngeber gewünschte, und private, vom Ensemble der eigenen Person geforderte Rationalisierungen, Aufbereitungen der Wirklichkeit, sich verschränken. Als eine Funktion innerhalb der Gesellschaft ist der Intellektuelle ja dazu verhalten, einerseits die bestehende mediale Infrastruktur zu bedienen, andererseits von dem, was geschieht, eine intellektuelle Fassung herzustellen, die es der gesellschaftlichen Reflexionsfähigkeit erlaubt, sich zu vergegenständlichen, ohne damit in Gegensatz zur gegenständlichen Ordnung der Gesellschaft zu geraten (siehe Enderwitz. 1989. »Die Medien und ihre Information.« Veröffentlicht unter: http://www.isf-freiburg.org/verlag/buecher/enderwitz-medien.html). Wie aber in jedem anderen marktwirtschaftlichen Sektor auch wird dieses Ziel dadurch erreicht, das heißt die allgemeine Funktion dadurch erfüllt, daß sie sich mit biographischem und ökonomischem Individualinteresse verschwistert. Im Fall weltgeschichtlicher Ereignisse wie der Wiedervereinigung oder des Golfkriegs weichen die Dinge speziell für den Intellektuellen, insofern er nicht geradezu eine Regierungssprecherfunktion ausübt oder Nachrichtenmoderation betreibt, logischerweise vom Gewohnten ab, muß und kann er in diesem überwältigenden Fall sein Thema doch nicht frei wählen und in gewohnter naturwüchsiger Übereinstimmung mit der Person, die er verkörpert, verfertigen, es wird ihm vielmehr übergestülpt. Schweigen – und den regierungsamtlichen Kommentatoren das Feld überlassen – kann er offenbar nicht. Entweder drückt er also das Gewaltverhältnis, in das er unversehens geraten ist, durch Lustlosigkeit, Berufsverdrossenheit, Starallüren aus, oder er regrediert auf die Rolle des intellektuellen Laien, der es nicht zuletzt dank der Anstrengungen Berufsintellektueller schließlich gewohnt ist, daß die Dinge ihn haben und nicht er sie. Vom abgesenkten Standort des Betroffenen, aber mit der ganzen Prätention des Professionellen macht er sich an die gewohnte Arbeit, ein Thema aufzubereiten, das er nicht selbst aussuchen konnte, in seiner Relevanz aber auch nicht anzweifeln darf. Auch in diesem diffizilen, die Souveränität des Intellektuellen in ein zweifelhaftes Licht rückenden Fall bringt der Konkurrenzdruck, dem der einzelne unterliegt, die Chance, die er unwillkürlich wittert, die Vernichtungsdrohung, die er angesichts einer allgemeinen intellektuellen Mobilisierung, in der sein Schweigen nicht einmal bemerkt werden würde, unwillkürlich empfindet, jene aus den konträren Empfindungen von Angst und Aufschwung gemixte Mobilisierung zustande, die zwar privat einen alkoholträchtigen Selbsthaß erzeugt, aber beruflich die beste Voraussetzung, der beste Nährboden für eine individualisierte, auf Überzeugungen beruhende Nachschaffung selbst noch dieser vom Individuum wunderbar emanzipierten Ereignisse ist.

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Bis zur Wiedervereinigung war es gar nicht anders denkbar, als daß die kommentarbedürftigen Ereignisse in der Konfliktzone zwischen West und Ost angesiedelt beziehungsweise, nämlich in der fälligen Rückschau, um das Dritte Reich zentriert waren. Für den Intellektuellen war es daher ein leichtes, sich als ein Erfahrungssubjekt zu präsentieren, das den Totalitarismus erlebt hatte und die Wirklichkeit unter diesem Gesichtspunkt zu bündeln wußte. Daß die Menschen sich über die Befreiung vom Totalitarismus freuen, war denn auch das Leitmotiv der Wiedervereinigungschroniken, und der sonst eher mißgünstige, in der souveränen Handhabung von Unverdaulichem erprobte Intellektuelle mußte nicht nur – den Kommentar zum unvermeidlichen Katzenjammer rigoros verschiebend –, er konnte sich, theoretisch jedenfalls, mitfreuen, hatte er den Totalitarismus doch noch selbst erlebt.

Heute, wo die weltgeschichtlichen Ereignisse mit der gleichen Unvermeidlichkeit den Antagonismus zwischen Erster und Dritter Welt aktualisieren, findet die konkurrenzwirtschaftliche Konstitution des Intellektuellen, das heißt seine elementare Bindung an den Rohstoff, den er selbst verkörpert, in der erfahrungslosen, sich selbst tatsächlich wesentlich als Rohstoff benutzenden Hingabe an die neuen exotischen Schauplätze, wie etwa die amerikanische Berichterstattung sie verkörpert, eine veränderte Ausprägung. Auf der anderen, der ideologischen Seite aber bietet sie immer noch die beste Gewähr für jenen inneren Eurozentrismus, der, indem er das Neue, das sich in der undeutlichen Gestalt der Dritten Welt womöglich präsentiert, in gutwilligster, freilich konkurrenzwirtschaftlich gesteuerter Absicht mit europäischem Material, Erinnerungsmaterial, Überzeugungsmaterial, unterfüttert und ausstaffiert, das simpelste Begreifen fremder Zusammenhänge, fremder Motivationen nachhaltig verhindert, dabei aber jenes unwillkürliche Engagement erzeugt, das beim Reden über sich selbst entsteht und gemeinhin – dies die heutige triviale Lesart des hermeneutischen Zirkels – als die notwendige Voraussetzung fürs Begreifen gilt.

Zu den offensichtlichen europäischen Anleihen, die leicht als solche zu durchschauen sind, zählt natürlich die Ineinssetzung von Hitler und Hussein, deren Unsinnigkeit so evident ist, daß es naheliegt, hier eine wieder- oder nachholende Bearbeitung unter erleichterten Bedingungen, sozusagen Traumbedingungen, als durch und durch europäisches Motiv zu vermuten: Wenn wieder ein Hitler käme, diesmal verweigern wir uns aber der mörderischen Kollaboration! Von daher auch das traumhafte Erschrecken, daß niemand die offensichtlich alte Situation in der neuen erkennt: Da tun sie so, als ginge es ums Exportgeschäft oder einfach um Frieden und nicht in Wirklichkeit um die einzige, vielleicht allerletzte Gelegenheit, die Juden einmal nicht ans Messer zu liefern!

Muß man Intellektuellen erklären, daß man es allenfalls im Traum noch mal probieren darf, und da &klappt es dann prompt und aus rätselhaften, aus ›Traumblockierungsgründen‹, nicht? Muß man sie über das Kindliche, gar Täterorientierte eines Verständnisses von Antisemitismus aufklären, das in den Juden nichts anderes als per definitionem eben zu Rettende sieht? Vielleicht liegt diese nachholende Bearbeitung gar nicht in der Intention derer, die sie unternehmen, ist vielmehr – worauf die Verkehrung von rezentem und weit zurückliegendem Material deutet – nur der in unbewußter Fälschungsabsicht herbeibemühte Trauminhalt, während die politischen Traumgedanken mit der Verarbeitung der sich ankündigenden neuen Allianz- und Großmachtrolle Deutschlands und der höchst ideologischen Aufgabe beschäftigt sind, vor den mit dieser neuen Rolle sich ankündigenden Parallelen zum letzten Großdeutschen Reich als Intellektueller nicht etwa in die Knie zu gehen. Die proisraelische Entscheidung bekäme dadurch einen anderen, freilich nicht weniger traumhaften Stellenwert: Auch wenn wir wieder so groß werden wie früher, an unserer Haltung zu den Juden könnt ihr sehen, daß wir nicht mehr die alten sind!

Zu den weniger evidenten Folgen dieser naturwüchsig europäisierenden, die Zusammenhänge dabei bestens organisierenden Sicht auf die Dinge gehört es dagegen, daß die Gemütsverfassung der Israelis für uns unmittelbarer nachvollziehbar ist und ihre Lage uns deshalb im Grunde auch verheerender erscheint als die der Iraker. Schließlich veranschaulicht die Situation der Israelis eine europäische Lieblingsversion der weltgeschichtlichen Verhältnisse: daß nicht die Dritte Welt unter der Ausbeutung der ersten Welt systematisch zugrunde geht, vielmehr das »kleine erleuchtete Europa« (Thomas Mann) auf dem Pulverfaß der Dritten Welt sitzt. Dabei bringen die Fernsehbilder von Israel, allen mobilisierenden, vom Kriegsgetöse beflügelten Anstrengungen zum Trotz, lediglich eine Wirklichkeit zustande, die von der unseren abgezogen ist und etwa der aufs Haar gleicht, für die wir – bei einer Autobahnkarambolage, einem Flugzeugabsturz, einem Terroristenanschlag oder einem durch versagende Bremsen verursachten LKW-Unglück – den Ausdruck ›Es sieht aus, als wenn eine Bombe eingeschlagen wäre‹ bereithalten und die wir für den unvermeidlichen, aber fürchterlichen Preis unserer hochgezüchteten, auf fragilen Errungenschaften basierenden Zivilisation halten. Die irakischen Bilder dagegen in ihrer Mischung aus pauschaler Vernichtung und militärischer Schönheit dokumentieren vor allem den Realitätsverlust, der die Erste Welt angesichts der Dritten Welt in der doppelten Weise befällt, daß sie sich von deren Realität tatsächlich befreit und ihr eigenes Tun zugleich nur in den Mustern eines sciencefictionhaft entfremdeten Tuns gewahren kann, für das sie doch unmöglich die Verantwortung trägt.

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Nicht eigentlich eine Folge, eher ein Instrument zur Herstellung eines solchen naturwüchsig eurozentristischen Blicks auf Nahost ist die politische Funktionalisierung von Auschwitz im Sinn einer Vorgeschichte des Golfkriegs beziehungsweise die Unterordnung des letzteren unter dieses womöglich letzte Ereignis von unzweifelhaft europäischer Bedeutung. Der objektive Zynismus dieser Ingebrauchnahme ist so gewaltig, daß er nur durch einen rückhaltlosen persönlichen Einsatz einigermaßen wettgemacht werden kann, der faktisch auf eine Demontage der intellektuellen Tätigkeit, eine radikale Abrechnung mit der ihr auferlegten verbalen Abstraktheit hinausläuft zugunsten einer entschlossenen Parteinahme für und eines halsbrecherischen Sprungs ins kapitale Ereignis, und der Vergleich mit Ernst Jünger tatsächlich nicht zufällig sich einstellt.

Demontiert wird der theoretische Vorbehalt, der der intellektuellen Tätigkeit durch ihre Form aufgezwungen ist und der, nicht als lästige Begleiterscheinung bekämpft beziehungsweise tatkräftig überwunden, sondern systematisch entwickelt und zum Angelpunkt des unfreiwillig abstrakten Tuns erklärt, eine andere Umschreibung für das vorhin so genannte Abtragen von Aufbereitungen, ein Synonym für Reflexion sein könnte. Souverän vergessen beziehungsweise als frivoler Umgang mit dem Leben der bedrohten Israelis verurteilt wird jene Position, die die geforderte Parteinahme, die Konstruktion des Entscheidungsnotstands selbst anzweifelt, kurz Widerstand gegenüber dem vielbeschworenen Ausnahmezustand als solchem sich erlaubt. Schließlich ist diese Situation nicht nur eine eminent praktische, durch Angriffs- und Abwehrraketen charakterisierte, sondern zugleich eine außerordentlich theoretische und theoriebeladene, mit Vorgeschichte, Widersprüchen, sichtbaren und unsichtbaren, konkreten und abstrakten Eigentümlichkeiten behaftete Situation, gegenüber der Verweigerung möglicherweise hilfreicher und – im Blick nämlich auf ihre untergründig virulenten Eigentümlichkeiten – langfristig & konkreter wäre als die geforderte Unterstützung. Unter existentialisierender Berufung auf Auschwitz wird ein ontologischer Unterschied zwischen Opfern eingeführt, jenen, die ihren Rettungsanspruch durch den millionenfachen Mord an ihnen verdient haben, und jenen, die in namenloser Geschichte lediglich auf dem üblichen indirekten Geschäftsweg umgebracht werden beziehungsweise der existentialistisch herbeigeführten Parteinahme einfach zum Opfer fallen. In nichts aufgelöst hat sich – nicht zuletzt in der heroisierenden Rede über das aus Allianzgründen und durchaus in einem militärischen Schachzug durchgesetzte Stillhalten Israels – der Schein der intellektuellen Redlichkeit, jener spätestens seit der APO kultivierte beinahe schon infantile Stolz, aus dem Faschismus und dem Versagen der Linken gegenüber dem Faschismus nachhaltig gelernt, ja die Wahrheit gepachtet zu haben, dem historischem Kontext unverbrüchlich beizustehen gegen den juristischen Schein, die prozessuale Wirklichkeit nicht zu verraten um den lächerlichen Preis der Spiegelfechterei. So ontologisch ist für den Intellektuellen offenbar der Sprung in die Partei, daß der Springende auch keinerlei Rücksicht darauf nehmen kann und muß, wohin er eigentlich springt. Die ontologische Qualität und Begründung seines Sprungs macht ihn gegen schlechte Gesellschaft immun. Mögen andere Hussein aus Ölinteressen nach dem Leben trachten, aus Gründen der Großmachtpolitik, er, der aus seiner Intellektualität herausgesprungen ist, hat einen besseren, einen tieferen, einen per definitionem, das heißt per definitionem des in Deutschland unausrottbaren Antisemitismus, als Minderheitsposition ausgewiesenen Grund: Er will, daß Israel lebt.

Findet er sich dabei auf der Seite der Großmachtallianz wieder, so wird ihn das wie gesagt nicht hindern, seine Meinung mit dem Gestus des Außenseiters zur Geltung zu bringen; seinen Zorn erregt daher auch weniger der fernsehoffizielle Antisemitismus, der unter der Überschrift ›Bußgang‹ das Zukreuzekriechen vor den Israelis den Deutschen ins Gedächtnis meißelt, sondern das Tun des friedensbewegten Teils der Bourgeoisie, deren sentimentale oder heuchlerische Opferhaltung als ein Sakrileg gegen die ontologisch ausgewiesene Opferrolle Israels aufgefaßt, ja als im Kern völkisch bewegter Antisemitismus begriffen wird. Was selbst dem gewöhnlichen Intellektuellen, jenem also, der mit dem Aufbereiten der Wirklichkeit, nicht mit dem Abtragen von Aufbereitungen befaßt ist, paradoxerweise, nämlich wenn er nicht gänzlich überflüssig werden will, als die Grundregeln seines Tuns vorschwebt, als da sind: mehrere Seiten sehen, wenn mehrere Seiten vorhanden sind, Kräfteverhältnisse einschätzen, die Ebenen und Modi des Analysierens und Parteiergreifens nicht miteinander verwechseln und nicht gegeneinander ausspielen, die Analyse nicht zum ausführenden Organ eines vorweg gesetzten ontologischen Sprungs in die Entscheidung herabsetzen, abstrakt bleiben – diese sämtlichen intellektuellen Funktionen, die paradoxerweise die regulative Idee noch des Aufbereitens der Wirklichkeit, nicht nur des Abtragens von Aufbereitungen darstellen, finden sich außer Kraft gesetzt, mit Erleichterung über Bord geworfen. Und das neu konstituierte System ist gegen Widerspruch immun, wird Kritik doch wie bei jedem echten ontologischen System als das zu bekämpfende Übel entlarvt, in diesem Fall als gleichsam chemischer Nachweis von Antisemitismus, als erfolgreich provoziertes Coming-out begrüßt. Kein Wunder bei dem Grad an Bitterkeit und Zerrüttung, der die Diskussion charakterisiert, daß der erschütterte, ja auch hinsichtlich seines eigenen jederzeit möglichen Antisemitismus auf die Zinne des Tempels gestellte und im Zentrum seiner Urteilsfunktion heilsam verunsicherte Bürger dazu neigt, von seiner gewöhnlichen, eher zynischen Bewertung der intellektuellen Tätigkeit abzurücken und sich zu der Ansicht zu bekehren, hier, im extremen Fall des Golfkriegs, machten die Intellektuellen wirklich ernst.

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Es empfiehlt sich, gegen diesen Anschein mißtrauisch zu sein. Wer sich vom Augenschein, und das heißt vom Streß einer mit dem Antisemitismusverdacht operierenden Diskussion, überwältigt fühlt, kann auf zweierlei Weise versuchen, die verlorengegangene Epoche zurückzugewinnen, und vielleicht ergänzen beide Strategien einander besser, als auf den ersten Blick deutlich wird: Er kann sich auf die Wiedervereinigung als auf das zweitjüngste Ereignis von Belang oder aber auf die quasi private Vorgeschichte des heutigen, um Israel entbrannten Intellektuellenkriegs zurückziehen, das heißt auf jene propalästinensische oder antiisraelische Wende der Linken, an die sich ehemalige APO-Studenten noch gut als an einen tatsächlichen Wendepunkt erinnern werden und die die innerintellektuelle linke Auseinandersetzung seitdem beherrscht.

So leblos die Wiedervereinigungsdebatte im Vergleich mit dem um den Golf entbrannten Streit auch wirken mag, so empfiehlt sie sich nicht zuletzt gerade deshalb für eine analytische Betrachtung. Schließlich soll nicht nur vermieden werden, den Intellektuellen und den von ihnen in die konkurrenzwirtschaftliche Situation geworfenen privaten Überzeugungen auf den Leim zu gehen. Vielmehr geht es auch darum, allgemeinere Veränderungen, denen die Intellektuellen durchaus als Objekt ausgesetzt sind, in den Blick zu bekommen, um so auch über ihre jüngste umfassende Mobilisierung ein möglichst eher ernüchterndes als anheizendes Urteil fällen zu können.

Hat die Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des östlichen Staatssozialismus inklusive, die intellektuellen Debatten für null und nichtig erklärt, ja den Intellektuellen selbst, diese gemeinhin links bis liberal schillernde Figur, als Hampelmann entlarvt, so feiert im Golfkrieg der Intellektuelle seine Wiederauferstehung, die intellektuellen Debatten sind neu erblüht. Hat die Wiedervereinigung die Intellektuellen überwältigt, so haben sie im Golfkrieg die im Slogan ›Jetzt sprechen die Waffen‹ noch einmal affirmierte Überwältigung bereits wieder bewältigt. Hat die Wiedervereinigung die Intellektuellen sozusagen einzeln zur unvermeidlichen Affirmation antreten lassen – und das pietätvolle Eingehen der Weberbank auf die intellektuelle Anregung, zwei Deutschland bestehen zu lassen, die sorgfältige Prüfung dieser Anregung durch den Ökonomen, ist alles andere als ein Gegenbeweis, zeugt vielmehr lediglich von einem gewissen Bedarf an intellektueller Homogenität angesichts des erheblichen sozialen Gefälles, das das wiedervereinigte Deutschland charakterisiert –, so ist es im Golfkrieg den Intellektuellen gelungen, aus der unvermeidlichen Affirmation und unter Rückgriff auf die private intellektuelle Vorgeschichte und den darin entwickelten Fundus privater Überzeugungen eine neue Streitkultur erblühen zu lassen. Kurz, die gerade noch Totgesagten sind zu neuer Lebendigkeit erstanden, oder, anders ausgedrückt, die Feuilletons haben das Lebensrecht für die Intellektuellen zurückerobert.

Freilich um einen gewaltigen Preis, recht eigentlich um den Preis der Selbstliquidation, wie – läßt man die Zeitung nur recht auf sich wirken – die gerade auf den linksliberalen Kulturseiten entfaltete Demontage der intellektuellen Funktion drastisch veranschaulicht. Bedenkt man aber, wie die Intellektuellen durch die Selbstauflösung des Staatssozialismus, das geräuschlose Zusammenfallen der Mauer, recht eigentlich für tot, in ihrer ganzen Reflexionskompetenz, und das heißt bei uns seit eh und je in ihrer ganzen prognostischen Kompetenz, für null und nichtig erklärt worden sind, so begreift man leicht, daß der Preis für die Wiederauferstehung nicht willkürlich hochgeschraubt oder in frivoler Leichtfertigkeit gezahlt worden ist. Im Gegenteil. Hinaus aus einer wirklichkeitsfernen Reflexion und hinein in das, was ohnehin passiert; nicht erst im nachhinein belämmert antreten, sondern, wenn man den Ereignissen schon nichts entgegenzusetzen hat, so doch wenigstens gleichzeitig mit ihnen auf der Matte stehen; dank einer durch private Überzeugungen genährten Mobilisierung den Anschein erwecken, auf reinem intellektuellen Wege zu den gleichen Ergebnissen, womöglich gar zu der gleichen Militanz gelangt zu sein und womöglich auch zu einer vergleichbaren Effektivität zu gelangen wie die Ereignisse selbst; sich nicht in beschämender Weise zitieren lassen zu müssen, sondern in noch viel beschämenderer Weise sich nicht bitten lassen zu müssen: das ist der Lerngewinn, den die Intellektuellen aus der Wiedervereinigungskrise gezogen und im Golfkrieg zur Anwendung gebracht haben.

Hier wird auch die Grundlage der neuen Rede vom Rechtsradikalismus deutlich, die Grundlage jener aus diffuser Angst vor schicksalhafter Wiederholung, triebhaftem Aufräumbedürfnis und neurotischem Bekenntniszwang gemixten Aura eines rechtsradikalen Aufbruchs oder Ankommens, die den vorläufigen Höhepunkt der Debatte markiert. Dabei ist es durchaus nicht so, wie hellsichtige Kommentatoren den von ihnen selbst geschürten Dissoziationsprozeß beschreiben, daß Rechts und Links im Grunde dasselbe geworden sind, das heißt, jederzeit ineinander umschlagen können, im Kippmechanismus austauschbar sind. Dieses Umkippen ist vielmehr ein Effekt der Tatsache, daß die Intellektuellen sich insgesamt unter der Fuchtel eines sie als Intellektuelle unterwerfenden Großereignisses befinden, das ihrer nicht nur in hohem Maße unbedürftig ist, sondern in einem Augenblick, wo monolithische Reaktionen zum Tragen des monolithischen Ereignisses nötig sind, für die feinsinnigen Differenzierungen, das am Duft erkennbar verschiedene Anpinkeln, mit dem die Intellektuellen ja keineswegs Widerstand oder Kritik, sondern Anwesenheit und Mitmachen ausdrücken wollen, definitiv keine Verwendung hat beziehungsweise diese Differenzierungen in den Bereich einer objektiv überflüssigen, subjektiv darum um so nötigeren Anpassung und Anstrengung rückt.

Indessen sollten die unvermeidlich sich einstellenden tristen Assoziationen an das nationalsozialistische Großereignis und das, was es aus den Intellektuellen gemacht hat, nicht noch mehr zum Schreckensruf ›Aber das ist ja schon rechtsradikal!‹ verführen – zumal dieser Ruf von den durch die Ereignisse kaltgestellten Intellektuellen geradezu mit Bedacht provoziert wird –, sondern im Gegenteil zu einer realistischeren, nicht allein vom Abgrenzungs- und Reinhaltungsbedürfnis geprägten Sicht auf manchen intellektuellen Sündenfall im Dritten Reich führen. So strikt nämlich nach dem idealtypischen Modell, wie die postfaschistische Skandalchronik, süchtig nach dem Ausnahmefall, es verlangt, hat der Intellektuelle noch nie funktioniert. Er kann, außer in Zeiten, wo die Wiedereroberung der bürgerlichen Freiheiten auf dem politischen Programm steht, übrigens auch nicht einsehen, warum, während alles um ihn lebt, er, der Intellektuelle, es partout nur mit dem angeblich in ihm verkörperten abstrakten Paragraphen bürgerlicher Gedankenfreiheit zu tun haben soll. Kein Wunder, wenn er, um auch einmal zur Sache zu reden, notfalls nach seiner eigenen Knebelung schreit und die in ihm angeblich verkörperten Tugenden bürgerlicher radikaler Friedfertigkeit und Toleranz als prinzipiell unzureichende, unangemessene, geradezu frivole, luxurierende Lebensbedürfnisse, bürgerliche Extrawünsche, verurteilt. Wozu es ihn dagegen förmlich treibt, ist jenes Mitmachen beim »Ausharren im Sturm« (Heidegger), in dem der Untergang des Intellektuellen als Monade und seine Resurrektion in einem faschistischen System tatsächlich nicht mehr und auch begründeterweise nicht mehr zu sortieren sind.

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Wie bereits erwähnt, gelingt den Intellektuellen ihre Wiederauferstehung im Golfkrieg nicht zuletzt dank des Rekurses auf eine innerintellektuelle Vorgeschichte, die sich an den Sinaikrieg angehängt hat und der militärischen Auseinandersetzung am Golf damit faktisch vorausgegangen ist, ja die letztere in Gedanken hundertmal vorweggenommen hat. Waren die Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des Staatssozialismus für die Intellektuellen eine ganz gezielte Niederlage, in der sowohl der für ihre Tätigkeit konstitutionelle Vorbehalt gegen eine Großmacht Deutschland für null und nichtig erklärt als auch der im Osten wie immer unzureichend verwirklichte sozialistische Maßstab ihrer demokratischen Kritik vernichtet wurde, so beschert der Golfkrieg ihnen demgegenüber einen entscheidenden Sieg; freilich als Posse.

Wenn man nämlich den Intellektuellen glauben darf, dann kämpft am Golf nicht eine Großmachtallianz gegen den Irak, sondern exakt die winzige tapfere Minderheit, die die proisraelischen deutschen Intellektuellen ihrer eigenen Einschätzung nach und zumal im Kontext einer imaginierten deutschen Linken darstellen. In souveräner Verwechslung des Kriegs, der seit Jahren als Zionismusdebatte unter den Linken tobt, mit jenem, der gute vier Wochen lang am Golf stattgefunden hat, glauben sie nur allzu genau zu wissen, wo sie – im Golfkrieg wohlgemerkt – hingehören, können sie, da sie in der Materie ja zu Hause sind, unbekümmert, ja hemmungslos Partei ergreifen. Daß sie in der Tat ganz Verschiedenes kontaminieren, diese Einsicht wird ihnen gar nicht mal so sehr durch die massive deutsche Vorgeschichte, auch nicht wesentlich durch die Existenz propalästinensischer Sympathien ›auf der Linken‹, vor allem vielmehr durch ihr eigenes nebulöses Verhältnis zu eben dieser Linken verstellt. Tradition in Deutschland ist es, die Intellektuellen auf der Linken zu wähnen, was möglicherweise ein furchtbares Mißverständnis ist, aber zu unendlichen Debatten und Konflikten Anlaß gibt, die, wenn es jene vorausgesetzte Positionsbestimmung nicht gäbe, gar nicht stattzufinden brauchten. In die Konsequenz dieser ursprünglichen Positionsbestimmung gehört denn auch der Irrtum, daß sich auf der Linken beziehungsweise ›unter den Intellektuellen‹ sowohl eine propalästinensische als auch eine proisraelische Fraktion feindselig gegenüberstünden, deren Auseinandersetzung von der Bitterkeit des intellektuellen oder linken Bruderkriegs gezeichnet sei.

Eine Konsequenz dieses Irrtums ist der all seiner zur Schau getragenen pluralistischen Vernunft zum Trotz durchaus unsolide Vorwurf: wenn man die proisraelische Fraktion einer irrationalen Haltung zeihe, die ebenfalls sehr einseitige, nämlich über die Existenz Israels sich souverän hinwegsetzende propalästinensische Wahrnehmung der Wirklichkeit aber verschweige, verstoße man selbst gegen das simpelste Gebot der intellektuellen Redlichkeit, nämlich alle Seiten zu sehen. Schließlich gibt es in Deutschland gar keine Linke, in oder auf der man sich gegenüberstehen könnte, sondern allenfalls das gar nicht primär intellektuelle Bestreben, das Fehlen dieser Linken durch Identifikationen mit und halluzinatorische Anleihen bei Dritte-Welt-Ländern wettzumachen, wobei es im Zuge dieser Anstrengungen gelegentlich zu einem wahnhaften staatsmännischen Gehabe kommt, das freilich keinerlei Legitimation für eine ihrerseits staatsmännisch-wahnhafte Konterstrategie bedeutet. Allerdings gibt es – aber da ist das virtuelle Feld der Linken bereits wieder verlassen – Intellektuelle, die berufsmäßig mit der Aufbereitung, das heißt der Rationalisierung, Beschönigung und Legitimation der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, primär also mit der Verdrängung ihrer eigenen ökonomischen Grundlagen und Ersetzung ihrer durch ein verständigungsfähiges Geflecht immaterieller Verkehrsformen oder Ideale beschäftigt sind. So wenig bei ihnen von ›links‹ überhaupt die Rede sein kann, und natürlich auch dann nicht, wenn sie lautstark bürgerliche Rechte, vornehmlich Minderheitenrechte, einklagen, so wenig kann auf der anderen Seite, da wo die Leerstelle der Linken durch Halluzinationen, infantile Identifikationen sei’s mühselig, sei’s lautstark überdeckt wird, von Intellektualität die Rede sein. Nicht jeder, der von seinem Verstand einen unsoliden Gebrauch macht, ist darum gleich ein Intellektueller! Nur wer in einem definierten gesellschaftlichen Zusammenhang die gesellschaftliche Sparte ›Intellekt‹ vertritt, kann sinnvoll als Intellektueller bezeichnet werden. Deutschland stellt aber keineswegs einen gesellschaftlichen Zusammenhang dar, in dem die Selbstbestimmungsrechte aller unterdrückten Völker eine definierte, innerhalb der Spartentätigkeit von Intellektuellen sinnvoll wahrzunehmende Funktion hätten, und diese Funktion ergibt sich auch weder aus dem unleugbaren Vorhandensein von Geschäftsinteressen in Nahost, die von der Gesellschaft für deutsch-arabische Freundschaft ideologisch betreut werden, noch aus einem etwaigen Bündnis mit der unübersehbaren Zahl Intellektueller in aufstrebenden Dritte-Welt-Ländern, Schwellenländern, als einem vermeintlichen Bündnis mit dem Land selbst und seinen autochthonen Interessen. Schließlich kämpfen die neuen Intellektuellen ausschließlich für die bürgerlichen Grundrechte und damit für die Etablierung der von ihnen zu verkörpernden bürgerlichen Sparte ›Intellekt‹ und haben mit dem hierzulande wie immer halluzinativ ausgefochtenen Konflikt zwischen staatserhaltendem Intellektualismus und revolutionärem Volkskrieg gar nichts zu schaffen.

Diese Verwechslung von ›intellektuell‹ und ›links‹ ist auch der Grund, warum im scheinbar innerintellektuellen Golfkrieg die Crème der deutschen Intellektuellen, denen die hochbezahlten Seiten der bekanntesten Publikationsorgane zur Verfügung stehen – beziehungsweise die den bekanntesten deutschen Publikationsorganen zur Verfügung stehen –, sich auf eben diesen hochbezahlten Seiten mit dem ehrlichen Pathos einer unterdrückten Minderheit äußern: »Eine Stimme fehlt!« Natürlich sind sie auf der Linken eine Minderheit – aus den mehrfachen, einander absurd überschneidenden Gründen, daß es diese Linke nicht gibt, daß sie aber, wenn es sie gäbe, keineswegs primär intellektuell wäre, daß sie, die Intellektuellen, ihrerseits gar nicht zur Linken gehören, dort deshalb, wenn es sie gäbe, auch gar nicht die Mehrheit sein können. Daß sie zu einer Mehrheit gehören, die ihrerseits keineswegs links, sondern eben die Mehrheit ist, das beeinträchtigt sie in ihrem Minderheitenbewußtsein keineswegs, vielmehr sind sie auch dadurch als Intellektuelle ausgewiesen, daß sie die entscheidenden, nämlich über die Wirklichkeit entscheidenden Kräfte im Kopf vermuten, was ihnen erlaubt, sich selbst, als Intellektuellen, einen hervorragenden, wenn auch einsamen Platz in der Fabrikation gesellschaftlicher Wirklichkeit zuzuweisen. Und dieser Irrtum, diese lächerliche Selbstillusion, geht so weit, daß sie sich zu anderen als Golfkriegszeiten tatsächlich für links halten und, da es ihnen auf der Seite, auf der sie tatsächlich zu Hause sind, erklärlicher Weise an Massen fehlt, für die wahren sei’s Statthalter, sei’s Erben, in jedem Fall die Verweser von Wahrheit und Gerechtigkeit halten, die Inkarnation geschichtsphilosophischer Eschatologie, Kantische Geschichtszeichen, auf zwei wackere Beine gestellt und nach Zeilen bezahlt.

Es wird aber, solange die Intellektuellen nicht von diesen beiden Hauptillusionen ihrer Tätigkeit und ihres Standes herunterkommen – der Illusion einerseits, daß der Prozeß gattungsgeschichtlicher Selbstverwirklichung für sie einen hervorragenden Platz reserviere, und jene andere, daß Warenform und Klasseninteresse ihre gesellschaftliche Tätigkeit im Gegensatz zu allen anderen gesellschaftlichen Tätigkeiten von tiefgreifender Entstellung verschone –, es wird also, solange die Intellektuellen von diesen beiden Hauptillusionen ihrer Tätigkeit und ihres Standes nicht herunterkommen, die Möglichkeit eines Bruchs und Frontenwechsels weder der schieren Möglichkeit noch den möglichen neuen Inhalten nach jemals auch nur zu einer Vorstellung, einem Bewußtseinsinhalt und damit zu einem Gegenstand der fortlaufenden reflexiven Bearbeitung und sukzessiven Entscheidung der Intellektuellen werden können.


Quelle: http://www.ilsebindseil.de/txt/txt10.html.
Veröffentlicht unter: www.isf-freiburg.org/isf/beitraege/bindseil-intelligenz.golfkrieg.html.

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