Ilse Bindseil

Frühe Erzählungen

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Die Vögel

Bussarde kreisten neugierig über der Autobahn und schnupperten an dem Gas. Der ratternde Mannschaftswagen, der aus seinem Auspuff große blaue Wolken in die Luft schickte, hatte sie angelockt. Früher war die Autobahn eine sichere Erwerbsquelle für sie gewesen. Sie hatten von den überfahrenen Kleintieren, Kaninchen, Maulwürfen, Igeln, gelebt. Sie hatten sich einfach auf die Autos verlassen, die sie für sie erlegten, besonders nachts, wenn sie über den Damm wechselten. Sie hatten die Fahrstreifen nach toten Tieren abgesucht, und wenn sie eins entdeckt hatten, waren sie in halsbrecherischem Sturzflug heruntergestoßen, hatten das Tier mit den Klauen gepackt und sich erneut in die Luft geschwungen – manchmal kaum fünf oder sechs Meter vor dem nächsten heranbrausenden Wagen. Da sie aber beim Ausspähen und Sichern der Beute das typische Raubvogelverhalten bewiesen, waren die Autofahrer fasziniert wie von einem Naturschauspiel, und überdies – und da sie den Zusammenhang nicht durchschauten – hatten sie gemeint, wenn schon über der Autobahn so viele Raubvögel kreisten, müßte die Natur noch in Ordnung sein.

Der Leutnant hatte Raubvögel noch nie so nahe gesehen. Sie hatten die Schwingen ausgebreitet und kreisten, wie es den Anschein hatte, ruhig und majestätisch, in Wirklichkeit jedoch trunken und leicht benommen über der Autobahn. Die Straße hatte eine breite Schneise in den Wald geschlagen. Zu Beginn des Krieges waren die Autobahnen für den Zivilverkehr gesperrt worden. Nach den ersten großen Militärtransporten, die Waffen und Soldaten an die Front warfen, war dieser Abschnitt hier verödet. Die Gegend war in einen toten Winkel geraten. Die Zivilbevölkerung, die die Autobahn längst wieder hätte benutzen können, hatte keine Transportmittel mehr, ja bis zu einem gewissen Grad fehlte es an Zivilbevölkerung. Die Straße war zu einem Bestandteil der Natur geworden, einem merkwürdigen Streifen, der in die Landschaft eine freilich streng geometrische Abwechslung brachte.

Verwundert sahen die Vögel auf das erste Auto, das seit Monaten wieder über die Fahrbahn rumpelte. Erinnerungen stellten sich ein. Automatisch nahmen sie eine majestätische Haltung an und äugten mit schrägem Blick scharf nach unten.

Donnerwetter! murmelte der Leutnant und suchte die Vögel mit dem Glas.

Gegen Abend fuhren sie von der Autobahn herunter und machten in der ersten Ortschaft halt. Es war ein Dorf, das die Anbindung an das überregionale Verkehrsnetz aus seiner Ruhe gerissen und zu einem Erholungsort aufgebläht hatte, einem billigen Quartier für Klub-Ausflügler, Reparaturkolonnen und Vertreter. Sie requirierten eine Gaststätte mit Kegelbahn, deren Wände in ihrer unverputzten Frische von Feuchtigkeit troffen. Der Leutnant richtete sich in einem der funkelnagelneuen Räume über dem Kegelbahnanbau ein. Da saß er auf dem Bettrand, trank Whiskey aus seinem Zahnputzglas und dachte an die Vögel.

Er brauchte nicht zu fürchten, daß der Lärm der Kegler ihn störte. Er betrank sich so, daß ihn nichts auf dieser Welt mehr stören konnte, und außerdem kegelten seine Leute nicht. Sie saßen auf ihrem Gepäck, in sorgfältigem Abstand zu den feuchten Wänden, und betranken sich auch. Aber sie hatten wenig, woran sie dabei denken konnten. Und sie mochten die Einsamkeit nicht.

Früh am Morgen, als der zähe weiße Nebel nicht weichen wollte, trafen sie sich finster und verkatert in der Küche, und der Kalfaktor, geübt in der Handhabung fremder Gerätschaften, machte ihnen einen heißen Kaffee. Der Leutnant stank, und die Haut hing ihm in dicken Säcken unter den Augen. Eigentlich war er ein stattlicher Mann, nicht mehr jung, grauhaarig, robust, mit scharfen, hellblauen Augen. Jedes Alterszeichen konnte unter diesen Bedingungen ein Schönheitszeichen sein, vorausgesetzt, daß man auf sich hielt und sich pflegte. Aber der Leutnant hielt nicht auf sich. Seine Karriere war steckengeblieben, und er war vorzeitig gealtert von der Knochenarbeit, die man ihm immer noch zumutete, obwohl er längst ein Recht darauf gehabt hätte, sich am Schreibtisch zu konservieren. In seinem Fall aber hatten die Oberen Weitsicht und Menschenführung bewiesen. Sie hatten begriffen, daß seine Stärke nicht im Abstrakten lag, und sich geweigert, ihn die Trittleiter der Karriere hinauf in die luftige Höhe der theoretischen Entscheidungen zu befördern. Da, wo er stand, tat er gute Arbeit, selbst wenn man die Verbitterung über den beruflichen Mißerfolg in Rechnung stellte. Man gewöhnte sich, ihn mit den schwierigsten Aufgaben zu betrauen, die der Soldatenalltag bot, und er entledigte sich ihrer gewissenhaft, mit Umsicht und Erfahrung, und rieb sich auf an dieser schwierigen Nahtstelle zwischen unten und oben. Seine Leute hingen an ihm, weil sie sahen, daß er sich aufrieb. Er machte seinerseits nicht viel Aufhebens von dieser Beziehung, nicht einmal vor sich selbst. In Wirklichkeit bedeutete sie alles für ihn. Hätte man ihn nach dem Wichtigsten in seinem Leben gefragt, er hätte, ohne zu zögern, die Enttäuschung über die ausgebliebenen Beförderungen angegeben. So sehr war er den konventionellen Maßstäben verhaftet, daß er gar nicht gemerkt hätte, wie sehr er hier ›log‹. Dabei war es lebensnotwendig für ihn, daß er sich nicht herausarbeitete aus dem Alltagswust heikelster Aufgaben und aus der verknäulten Beziehung zu seinen Leuten, denen er ebenso tapfer und kühl voranschritt, wie er unerkennbar mit ihnen verschmolz. Manchmal mengte sich eine homosexuelle Empfindung hinein, besonders in Augenblicken des Nichtstuns, des Wohllebens und wenn es an anderen Empfindungen mangelte. Der Leutnant liebte es zum Beispiel, sich nach der Drecksarbeit des Tages unter die heiße Dusche zu stellen, sofern eine vorhanden war. Da prustete er, bis sich die welke Haut rötete, stieg danach klatschnaß, nur in ein großes Handtuch gewickelt ins Bett, wo er bis zum Abendessen liegenblieb. Wenn er dann unter seine Leute trat, ausgeruht, sauber, sorgfältig rasiert und gekämmt, nicht duftend wie ein Pfau, nur frisch, ein schöner Mann in der Blüte seiner Jahre, da konnte man sich schon für ihn erwärmen, und er, er erwärmte sich auch. Aber das war nur vorübergehend. Im Grunde kam der Leutnant ohne diese ganz besondere Empfindung aus, zumal die Gelegenheit, heiß zu duschen, immer seltener wurde und der Drang, sich in den kurzen Ruhepausen zu besaufen, immer größer. Da er aber an seinen Leuten hing, schämte er sich, verkatert und stinkend unter ihnen zu erscheinen. Auch an diesem Morgen hielt er sich darum abseits in seiner Ecke und sah von seiner Tasse nicht auf.

Inzwischen kamen schon etliche vom Morgenspaziergang herein, mit geröteten Backen und blitzenden Augen. Sie gingen zum Kalfaktor und ließen sich Kaffee einschenken. In der Nähe des warmen Herds hörten ihre Augen bald zu blitzen auf, und ihre Backen nahmen die alkoholische Röte des Vorabends wieder an. Sie waren unruhig und besprachen sich leise untereinander. Als der Leutnant durch ein Räuspern deutlich machte, daß er in das Flüstern einbezogen werden wollte, traten sie zu ihm an den Tisch und erstatteten Bericht.

Sie waren draußen gewesen, hatten die verkaterten Glieder gelüftet. Dabei hatten sie das Dorf in Augenschein genommen und sich einen ersten Eindruck von der Gegend verschafft. Sie wollten schließlich wissen, wo sie übernachtet hatten. Aber bei dem Versuch, den Ort auf der Karte zu finden, waren sie kläglich gescheitert. Sie hatten keine Ahnung, wo sie sich befanden.

Ihr könnt also nicht Karten lesen, stellte der Leutnant sachlich fest. Ihre Unfähigkeit half ihm über sein eigenes Mißbehagen hinweg, und seine Laune hob sich.

Gebt mir die Karte, sagte er.

Er breitete sie auf der gescheuerten Tischplatte aus, daß die Tassen bis an den Rand geschoben wurden.

Wo sind wir? fragte er und fuhr mit seinen dicken, zuverlässigen Händen über die Fläche.

Sie zuckten bloß mit den Schultern.

Er suchte die Autobahn, über die sie hergekommen waren, und die kleine Ortschaft im Dreieck zwischen Abfahrt und Auffahrt. Aber er fand, daß diese Konstellation gleich mehrfach auf seiner Karte vertreten war. Er konnte sich nicht entscheiden. Langsam faltete er die Karte wieder zusammen.

Im Augenblick ist sie völlig nutzlos, sagte er.

Er schickte seinen Burschen nach einem mehrfach gefalteten Bogen braunes Packpapier, den er in seiner Militärkiste hatte, breitete ihn sorgfältig auf der Tischplatte aus und beschwerte die Ränder mit Tassen.

Es hilft alles nichts, sagte er, wir müssen rekognoszieren.

Da sie nur ein einziges Wahrheitskriterium hatten, nämlich die Karte, mußten sie um alles in der Welt vermeiden, Informationen, die sie ihr entnommen hatten, in ihre Erkundungen einfließen zu lassen. Das hieß, sie mußten selbst eine Karte anfertigen – hier wischte der Leutnant mit beiden Unterarmen über das Packpapier –, und erst wenn diese Karte fix und fertig war, durften sie sie mit der richtigen vergleichen.

Das ist zwar umständlich, sagte der Leutnant und faltete das Packpapier wieder zusammen, aber dann wissen wir wenigstens, wo wir sind.

Sie marschierten zu zweit, zu dritt. Der Nebel hatte sich gehoben. Es war ein heller, sonniger Vormittag. Die Wiesen dampften noch. Neugierig sahen sie sich um.

Es war schon in Friedenszeiten eine gottverlassene Gegend gewesen, deren natürlicher Reiz freilich den Ausflüglern, die meist nur das einzige Gartenlokal aufsuchten und nach kreischenden Wendemanövern wieder auf die Autobahnauffahrt gelangten, verborgen geblieben war. So, wie die Einwohner ihr Dorf den Touristen preisgegeben hatten, so überließen sie es heute den fremden Soldaten. Sie kamen aus ihren Häusern nicht heraus.

Nach wenigen Schritten hatten die Soldaten die Straße hinter sich gelassen und schwärmten nun nach allen Seiten über die Wiesen und Felder aus. Hinter dem Dorf, nach Westen zu, zog sich lockerer Mischwald einen sanften Hügel hoch. Da stiegen einige von ihnen hinauf. Sie bewarfen sich mit morschen Ästen und lachten über die Sonnenflecken im gesprenkelten Laub. Oben angekommen, hielten sie an und musterten aufmerksam das Land. Eilfertig griffen sie zu Bleistift und Papier. Keine Kleinigkeit wurde geringgeachtet. Von jeder zweifelhaften Stelle wurde eine Extraskizze angefertigt. Wer konnte im Endeffekt wissen, was wichtig war und was nicht? Es wurde gemessen und geschätzt.

An einem Bach, der vom Berg herunterkam, machten sie Rast und aßen ihre dicken Schnitten. Sie tranken von dem Wasser, aber sie fanden den Geschmack schlecht. Sie werden die Quelle verunreinigt haben, sagten sie fachmännisch. Dann gingen sie wieder an die Arbeit. Erst abends, als sie schon in ihren Betten lagen, fiel ihnen der Bach wieder ein. Töricht erschien es ihnen jetzt, daß sie von dem Wasser getrunken hatten, und sie krümmten sich wie unter einer Kolik.

Keiner von ihnen hatte gelernt, eine richtige Karte zu zeichnen. Um so erstaunlicher war, was für eine hübsche Zeichnung am Ende herauskam. Einer der Soldaten hatte noch Blau und Grün und Rot unter seinen Stiften gefunden, und so entstand ein deutliches Bild: grün schraffierte Wiesen, gekreuzelte Wälder, ein paar blaue Linien für die Wasserläufe, Bleistiftgrau für die Straßen und Wege und schließlich ein roter Punkt für das Dorf. Aufatmend betrachteten sie das Ergebnis.

Aber der Kartenvergleich brachte die große Enttäuschung. Die stolze Zeichnung versagte. Zwar hatten sie gewissenhaft gearbeitet. Trotz aller observatorischen Sorgfalt aber hatten sie im Grunde nur die Trivialitäten der Landschaft eingefangen. Daß wir uns im Mittelgebirge befinden, war uns ja eigentlich klar, meinte der Leutnant spöttisch und deutete auf die sorgfältig gekreuzelten Flächen. Andererseits bemängelte er die detailfreudige Ausführung der Karte. Es war ja alles sehr hübsch und genau. Hochstände, Bretterstege, Ufergebüsch; ein Wanderer hätte herrlich wandern können mit der Karte. Aber sie brauchten keine Wanderkarte. Was ihnen fehlte, war der exakte topographische Vergleich.

Er holte aus seiner Uniformjacke ein verkrumpeltes Papier und einen Bleistiftstummel und zeichnete mit groben Strichen ein Schema auf: Ortskern, Straße, Bach, und meinetwegen, räumte er ein und fügte ein paar schäbige Kreuzchen hinzu, hier ist der Wald, und hier – er deutete die Stelle mit Strichen an – sind die Wiesen.

In weniger als einer halben Stunde hatten sie heraus, daß ihr Dorf jedenfalls keinem Punkt auf der Karte entsprach. Zögernd fuhr der Finger des Leutnants die doppelte Autobahnlinie entlang, verhielt betroffen an ein oder zwei Autobahnkreuzen, die Böses verhießen und an die sich niemand mehr erinnern konnte, fuhr holpernd über die Bruchkanten, die auf der Karte weiße Streifen hinterlassen hatten und hinter denen sich Gott weiß was verbarg, und blieb dann irgendwo im Leeren hängen. Es konnte kein Zweifel sein: sie hatten sich verfahren und waren, ohne es zu merken, über den Rand der Karte hinausgelangt.

Am nächsten Tag teilten sie die Arbeit auf. Das Gros sollte die selbstgezeichnete Karte systematisch erweitern. Andere mußten sich um die Versorgung kümmern. Wer konnte wissen, wie lange das hier dauern würde, diese merkwürdige Mischung aus Irrtum, Urlaub, Desertion! Schon jetzt konnte sich keiner von ihnen die Rückkehr vorstellen. Was erwartete sie: Erschießen mit und ohne Urteil oder das endlose Gelächter der Kameraden, die vielleicht ganz in der Nähe kampierten?

Die im Außendienst merkten bald, daß sie auf der Stelle traten. Sie marschierten viel, auch ließen sie diesmal alle Pfadfinderallüren sein. Aber sie waren vielleicht wer weiß wie viele Stunden in die Irre gefahren, und wie sollten sie das je einholen mit den Füßen?

Sie hatten dennoch nicht die schlechteste Arbeit erwischt. Sie brauchten nicht mit der feindseligen Bevölkerung über die Versorgung zu verhandeln. Sie mußten nicht mit Fußtritten und Schlägen fordern, was man ihnen nicht freiwillig gab. Und sie waren an der frischen Luft. Sie mußten nicht zu Hause in der dumpfen Küche sitzen und sich den Kopf über Durchschnittsgeschwindigkeiten, mittleren Benzinverbrauch und Himmelsrichtungen zerbrechen – dabei ständig in Alarmbereitschaft, ob nicht der Leutnant sich meldete. Er hatte den Versuch gewagt, zurückzufahren bis auf die Karte, sofern der Treibstoff reichte, und nur in Begleitung eines seiner Männer. Auf ihn richteten sich denn auch die Hoffnungen, nicht auf den Erkundungstrupp und nicht auf die, die sich den Kopf am Küchentisch zerbrachen.

Der Leutnant fuhr zusammen. Sie waren auf der Autobahn, und ihm war, als habe er etwas verpaßt. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er fuhr hart an den Straßenrand und wandte sich an seinen erschrockenen Begleiter.

Was war da eben! herrschte er ihn an.

Der Mann schüttelte den Kopf. Es war ja überhaupt nichts gewesen. Aber der Leutnant gab sich nicht zufrieden. Er hatte das deutliche Gefühl, soeben etwas gesehen zu haben, was in unmittelbarem, wenn auch unbegriffenem Zusammenhang mit ihrer Irrfahrt vor zwei Tagen stand. Ziellos sah er sich um, heimlich jedoch auf Botschaften, unmißverständliche Zeichen gefaßt. Mühsam wandte er sich nach hinten und warf einen Blick zurück. Das hätten sie schon früher machen sollen: einfach einen Mann auf dem Rücksitz postieren, der die Gegend durchs Heckfenster betrachtete, der sie so sah, wie sie sie vor zwei Tagen gesehen hatten. Dann hätten sie eine Chance gehabt!

Eben wollte er den Wagen auf die Fahrbahn zurücklenken, da entdeckte er die Vögel. Ein Raubvogelpärchen kreiste im Gleitflug über der Autobahn, bei jedem Kreis sich sachte höher schraubend. Vermutlich behielten sie den Wagen am Straßenrand scharf im Auge.

Der Leutnant riß den Feldstecher aus dem Handschuhfach und suchte die Vögel mit dem Glas. Bestürzt sah sein Begleiter, wie er sich bei laufendem Motor in den Anblick des kreisenden Pärchens vertiefte.

Er hatte keine Ahnung von Vögeln. Und schon gar nicht hatte er eine Ahnung von der Interdependenz zwischen Mensch und Natur. Am meisten war er vielleicht über sich selbst erstaunt, daß er sich auf seine alten Tage noch so interessieren konnte. Ein Naturbursche war er nie gewesen. Er hatte nie etwas anderes beobachtet als die taktischen Bewegungen der eigenen und der feindlichen Streitkräfte. Jetzt war er glücklich, nicht nur über die Vögel, sondern über seine Neugier, seine fröhliche Naivität. Kein Zweifel kam ihm dazwischen, daß an den Tieren etwas faul war, daß er sie gewissermaßen angelockt, mit seiner Fahrerei buchstäblich herbeigezaubert hatte.

Donnerwetter, murmelte er und entließ die Vögel nicht aus seinem Glas. Er bewunderte ihre Flügelspanne und den scharf gegabelten Schwanz. Der eine Vogel war kleiner als der andere. Ein Pärchen vermutlich. So etwas wie Rührung überkam den Leutnant, ein flaues Gefühl in der Magengrube, weil er die Natur beim Liebesspiel beobachten durfte. Unwillkürlich ließ er sich in die kreisende Bewegung der beiden Vögel hineinziehen und duldete es sogar, daß ihm ein wenig schwindlig wurde. Er war glücklich, daß es ihm vergönnt war, einen Blick hinter den eisernen Vorhang der Natur zu werfen. Was machte es, wenn ihm dabei ein wenig schwindlig wurde?

Der Leutnant lassen sich ablenken, mahnte sein Begleiter leise. Bisweilen duzten sie sich sogar. Aber in diesem Augenblick war der andere ihm eher unheimlich, und er hätte ihn um alles in der Welt nicht geduzt.

Es fehlte nicht viel, und der Leutnant hätte sein Glas auf seinen Begleiter gerichtet. Nur widerwillig ließ er den Feldstecher sinken und maß den Mann mit einem arroganten Blick.

Weißt du, daß wir die Vögel schon auf der Herfahrt gesehen haben? fragte er hochmütig.

Sein Begleiter schüttelte den Kopf. Auf der Herfahrt hatte er am Steuer gesessen und nicht nach den Vögeln geguckt.

Ich habe die Vögel schon auf der Herfahrt gesehen, sagte der Leutnant selbstbewußt. Und weißt du was? Hier, genau an dieser Stelle, haben wir uns verfahren!

Er hatte den Wagen auf die Fahrbahn zurückgelenkt. Er fühlte sich leicht und befreit. Er hatte die Zeichen verstanden und das Rätsel gelöst.

Siehst du, sagte er triumphierend, als in dem Moment Pfeile auftauchten und hoch über der Autobahn schwarz übermalte Schilder. Es war eins von diesen Kreuzen, wo sich die Fahrbahn plötzlich unnatürlich verbreiterte und man in den Sog von halb abknickenden Pfeilen geriet, die in eine nicht feststellbare Richtung führten, während auf verschobenen Ebenen die symmetrischen Schleifen der Zufahrtswege und weiter hinten die auseinanderstrebenden Bahnen der gekreuzten Autowege in den Blick traten. Aber er hatte die Vögel beobachtet und dabei die Ausfahrt verpaßt. So einfach war das.

So einfach ist das, sagte er und sah seinen Begleiter triumphierend an.

Dem stieg die Röte ins Gesicht. Er hatte die Vögel nicht beobachtet. Schließlich war er gefahren. Aber wenn er die Vögel nicht beobachtet hatte, hatte er vielleicht auf die Straße geachtet. Er konnte sich beileibe nicht an diese Ausfahrt erinnern. Dabei war er ein besonnener Mann, das heißt, er tat, was man ihm sagte. Freilich sah die Ausfahrt von der andern Seite anders aus, und falls sie von einer andern Autobahn auf diese gewechselt waren, war sie sogar eine Auffahrt. Aber bevor sie auf diese Autobahn gekommen waren, mußten sie von einer andern heruntergefahren sein, also hatte es auch da gewissermaßen eine Ausfahrt gegeben. Wie sollte er aber diese hier erkennen, wenn die andere eine andere gewesen war, du lieber Himmel, wer hatte überhaupt die Karte gelesen und die Befehle gegeben! Er war sich ganz sicher, daß er niemals aus eigenem Entschluß von einer Autobahn heruntergefahren wäre, übrigens von keiner Autobahn der Welt. Er hatte noch nie in seinem Soldatenleben, und schon gar nicht in seiner Eigenschaft als Fahrer eines Mannschaftswagens, aus eigenem Antrieb gehandelt. Insofern hatte er ein reines Gewissen. Aber wieso und warum hatten sie sich dann eigentlich verfahren?

Na und jetzt, wie weiter? fragte der Leutnant in einem unpassend leichtfertigen Ton.

Wie meinen? fragte der Mann, aus seiner verzweifelten Verwirrung nur durch den falschen Zungenschlag aufgeschreckt.

Ich meine, sagte der Leutnant ungeduldig, wie sollen wir fahren? Was schlägst du vor? Du hast doch schließlich am Steuer gesessen. Der Mann hob hilflos die Schultern.

Sie werden zu entscheiden haben, sagte er lahm.

Ein tiefes Schweigen entstand.

Der Leutnant wurde von den widerstreitendsten Empfindungen gequält. Es war die Aufregung, natürlich, die ihm zusetzte. Er wußte, welche Verantwortung auf ihm lastete, welche Hoffnungen sich an seine Expedition knüpften, bei der er das letzte Benzin seiner kleinen Truppe verfuhr. Dabei hatte er keine Ahnung, wie er sich entscheiden sollte. Er verstand nicht viel von Geographie, und er hatte keinen angeborenen Sinn für die Richtung.

Es war aber nicht nur diese Unsicherheit, was den Leutnant quälte. Er fühlte sich überfahren. Jetzt, wo es ans Entscheiden ging, merkte er auf einmal, daß er sich lieber nicht entschieden hätte. Tatsächlich ging es nicht nur darum, den richtigen Weg zu finden, sondern darum, ihn auch zu wollen. Am liebsten hätte er das Steuer fahrenlassen und die Hände in den Schoß gelegt, so wenig sicher war er sich, daß er den richtigen Weg wollte.

Er bereute es, daß er sich auf diese Reise hatte schicken lassen, so schnell, so hastig, verfrüht. Aber sie hatten in der Klemme gesteckt, und er hatte einen Ausweg gesucht. Das war nicht mehr als seine Pflicht. Das war schon beinahe ein Reflex. Jetzt verfluchte er sein elendes Pflichtbewußtsein, seine verdammten Reflexe!

Tatsache war, daß er einen großen Fehler gemacht hatte. Er hatte die Situation nach dem Schema F des Soldaten beurteilt. Dabei war er wahrhaftig alt genug, um zu merken, daß sie längst in kein Schema mehr paßte. Etwas hatte sich eingeschlichen, was entsprechend anderes erforderte als bloß das übliche hastige Reagieren, ein gewisses Nachdenken, beispielsweise, und Innehalten, eine vorsichtige Neugier auf Neues.

In dem Zustand einer beinahe schon chronischen Anspannung, in dem der Leutnant sich befand, hatte er das Neue deutlich vor Augen. Achtunggebietend fand er es, wie der Ort, wo er seine Leute zurückgelassen hatte, Verkehr und Tourismus abgeschüttelt und sich in ein regelrechtes Dorf zurückverwandelt hatte, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagten und der Löwenzahn zwischen den geborstenen Steinplatten sproß. Er roch die morgenfrische Luft über den nassen, nebelfeuchten Wiesen, obwohl er selbst an dem Erkundungsgang gar nicht teilgenommen hatte, sondern, angeblich mit strategischen Überlegungen beschäftigt, in Wirklichkeit seinen Brummschädel pflegend, im Gasthof geblieben war. Er sah seine Leute in der Küche sitzen, mit frisch geröteten Gesichtern, irgendwie ländlich, die Jacken salopp über die hochbeinigen Küchenstühle gehängt. Er hätte sein Leben gegeben, um dabeisein zu können, im stummen Kreis seiner Leute, leicht beunruhigt, aber nicht klüger als sie und von einer angenehm vagen Hoffnung belebt. Am liebsten wäre er auf der Stelle umgedreht, wäre zurückgefahren und hätte gesagt, ich war gar nicht weg, aber morgen fahre ich wirklich. Und morgen hätte er gesagt, morgen. Er hätte das zu gern noch ein bißchen ausprobiert, dieses Leben dort im grünen Winkel. Er hätte gern erlebt, wie sie versuchten, sich zurechtzufinden, aus der beklemmenden Situation etwas zu machen. Wie sie die Gegend ausforschten und ihre eigene kleine, nicht mehr ganz so militärische Gemeinschaft. Noch in seiner Träumerei staunte er, wie die Soldaten, die ihm doch abgrundtief vertraut waren, plötzlich ein ziviles Gesicht hervorkehrten. Er hätte gern gewußt, ob er ihnen ein ziviler Chef sein konnte, was immer das heißen mochte. Und er hätte das gern noch einmal erlebt: das Frühstück in der überheizten Küche, den Gang über nasse, morgenfrische Wiesen, die Unruhe am Abend, wenn sie ängstlich wurden, und das beruhigende Sichversammeln morgens in der Küche. Er hätte das gern noch einmal erlebt. Er hätte gern ausprobiert, ob etwas daran war oder nicht. Jetzt war es zu spät.

Unter den entsetzten Blicken seines Begleiters war der Leutnant, beinahe ohne es zu merken, den abknickenden Pfeilen gefolgt, und kaum hatten sie die große Schleife ausgefahren, da erkannten sie die Strecke wieder. Wie Schuppen fiel es ihnen von den Augen.

Wir sind richtig! schrie der Begleiter und warf sich mit seinem Gewicht gegen den Leutnant, der ihn mit seiner ganzen Kraft zurückschleuderte, daß er halbwegs gegen die Tür prallte. Er konnte von Glück sagen, daß sie nicht nachgab, sonst wäre er draußen gewesen, und der Leutnant wäre frei gewesen, und niemand hätte ihn mehr stören können, wenn er die Vögel beobachtete.

Paß doch auf, knurrte er und versuchte den Wagen in die Spur zu bringen.

Der Mann klebte schon wieder an der Scheibe.

Wir sind richtig! schrie er. Herr Leutnant, wir haben es geschafft!

Der Leutnant warf einen abschätzigen Blick auf den zappeligen Mann. Er hatte es gut, er konnte es nicht abwarten, nach Hause zu kommen. Man sah es seinem Rücken an, daß er vor Freude vibrierte. Nicht der leiseste Zweifel trübte sein Glück. In wenigen Stunden waren sie da, und dann bekamen seine unbefangene Dummheit, seine Vertrauensseligkeit recht. Der Leutnant sah ihn förmlich, wie er in der Umarmung mit seinen Kameraden verschmolz. Er hatte sich gefürchtet in dem gottverlassenen Dorf, und jetzt brauchte er sich nicht mehr zu fürchten. Der Leutnant bekam Lust, ihn in den Rücken zu boxen, nur damit er sich wieder fürchtete.

Und er selbst? Hatte er keine Furcht? Angestrengt sah er in den Rückspiegel und starrte auf die geschwungene Linie, die der Wald in den dunstigen Mittagshimmel zeichnete, auf die grüne Wand, hinter der sich die Straße verlor. Unwillkürlich bückte er sich, um noch mehr Himmel einzufangen; denn einen Augenblick war ihm, als hätte er die Vögel gesehen. Aber der Himmel war leer. Mutlosigkeit befiel ihn, als er an das Dorf im grünen Winkel dachte. Es war nicht so einfach, die Seele vom Ganzen zu sein und der Sache einen Sinn zu geben. Ihm grauste bei dem Gedanken an die morgendliche Lagebesprechung, bei der es nichts als feuchte Wiesen und unübersichtliche Waldhänge zu verteilen gab. Die Natur war ihm auf einmal zuviel. Und seine Leute? Sie waren genau wie der, der da vorne an der Scheibe klebte! Was würden sie sagen, wenn er niedergeschlagen heimkäme, müde und mit leerem Benzintank, und mit den Schultern zucken würde: Tut mir leid, ich habe es nicht geschafft. Nein, mit ihnen war kein Abenteuer möglich. Firlefanz, was er sich eingebildet hatte, daß nicht bloß er der Puffer war zwischen ihnen und dem Generalstab, diesem ganzen blöden Krieg, sondern auch sie ein Puffer für ihn, so daß er ungestört die Vögel betrachten und nach Belieben das Glas sinken lassen konnte: Na, was ist, spielen wir nun ’ne Runde Bauernskat oder nicht?

Auf einer Eisenbahnbrücke stoppte er und stieg aus.

Bloß mal’n Blick auf die Karte werfen! rief er seinem verdutzten Begleiter zu und lief zum Geländer hinüber. Tatsächlich wollte er allein sein und ohne die lähmende Gegenwart des glückstrahlenden Mannes prüfen, ob sein Gefühl ihn nicht trog: daß er nicht vor und nicht zurückkonnte, daß er sich weder retten lassen noch ins Abenteuer stürzen, daß er weder Krieg noch Frieden spielen wollte, daß ihm alles verleidet war. Schräg hielt er das Gesicht in die Sonne und blinzelte zu seinem Begleiter hinüber, der ebenfalls ausgestiegen war und sich vergnügt am Geländer zu schaffen machte, sich weit hinüberlehnte, um den Zustand der Weichen und verrosteten Schienen zu prüfen, und dann anfing, in den Streben hinaufzuklettern. Ein kräftiger Wind blies über die Brücke, und wenn man nur einen halben Meter höher war, hatte man einen herrlichen Blick über das Land. Der Mann hielt die Hand als Schirm über die Augen und verfolgte die Straße, so weit der Blick reichte. In der Ferne meinte er ein paar dunkle Punkte zu erkennen und kniff die Augen zusammen, um zu sehen, ob sie sich bewegten.

Der Leutnant sah gar nichts. Er hätte gern nachgedacht, aber ein lästiger Druck hinderte ihn am Denken. In einem seltsamen Immobilismus, seiner Handlungsfähigkeit und seiner Vorstellungskraft in gleicher Weise beraubt, lehnte er am Geländer und döste.

Sein Begleiter kniff die Augen fest zusammen. Er sah, daß die Punkte sich bewegten. Er erkannte die militärische Formation. Die Brust krampfte sich ihm zusammen, als er begriff, daß es vermutlich ein Suchtrupp war, daß man ihnen entgegenkam. Sich allein zurückkämpfen war ohne Frage tapfer. Aber gesucht werden, das sprengte alle Vorstellungskraft! Mannhaft schluckte er eine Träne hinunter, reckte sich hoch und fing überflüssigerweise schon an zu winken.

Herr Leutnant, schrie er, sie suchen nach uns! Sie kommen uns schon entgegen!

Mit einem Mal fühlte er sich hochgehoben und weit über das Geländer hinaus in die Höhe gestemmt. Der Leutnant war immer noch unheimlich stark, und der Mann hatte, ehe er auf die Gleise hinunterstürzte, einen Augenblick das Gefühl, in den Himmel zu fliegen.


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Quelle: http://www.ilsebindseil.de/txt/txt27.html.

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