Ilse Bindseil

En thérapie


Soeben hat bei Arte die zweite Staffel begonnen. Dazu ein Blick zurück auf die erste!


Kann man In Therapie, die französische Adaption der israelischen Serie BeTipul anschauen, ohne sich zum Mitanalysanden zu machen? Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass es mir passieren könnte. Zu viel Bühne, dachte ich, für so ein altes Semester wie mich. Dabei, das französische Milieu, auf das ich abfahre, hätte mich warnen müssen. Ich würde mich umschmeichelt, dabei in sicherer Distanz fühlen. Ich hatte die Psychoanalyse als Philosophie und Textwissenschaft von der Pike auf gelernt. Verstöße gegen die psychoanalytischen Grundsätze würden mich davor bewahren, mich hineinziehen zu lassen, dachte ich. Aber es gab so gut wie keine, dafür eine dramaturgisch bedingte Fixierung auf die Traumatheorie, die ich indes mühelos aufs Konto des Mediums schrieb. Nicht nur die Psychoanalyse, auch Serien gucken will schließlich gelernt sein.

*

Als ich In Therapie zum zweiten Mal sehe, bin ich kurz vor den letzten Sitzungen todtraurig: die Trauerfeier für Adel steht an, der Auftritt des gepeinigten Vaters steht bevor. Im realen Leben bin ich so gut wie nie traurig, höchstens blockiert oder verstimmt. Ach, wenn ich doch traurig wär, denke ich manchmal und komme mir vor wie jemand, der ausgezogen ist, das Traurigsein zu lernen. Jetzt weiß ich gar nicht damit umzugehen. Ich erinnere mich, auf dem großen Foto neben dem Sarg sieht Adel so aus, wie er war und wie man sich an ihn erinnern soll. Das heißt, ich erinnere mich nicht. Erst als Dayan, der Analytiker, ein Fremdling unter Fremden, die Halle betritt, wird das Bild aus dem Nichts auftauchen und sich als das Ziel der Sehnsucht entpuppen, ist doch niemand wie Adel so lebendig gewesen. Jetzt ist er tot, aber die Backen sind noch immer kindlich gerundet. Dabei ist er natürlich bloß eine Kunstfigur, eine Schauspielerfigur. Aber dass nur ein Bild von ihm übriggeblieben ist, hebt den Unterschied auf.

Und wie haben Sie Ihre Traurigkeit erlebt?

Gar nicht. Eine unerklärliche Unruhe befiel mich. Hopp, sprang ich auf, um eine Handvoll Studentenfutter zu holen, nagte an den Nüssen, stellte die Mandeln senkrecht zwischen die Schneidezähne: Knack. Kaum konnte ich hören, was geredet wurde. Aber die Kollegen von Adel, die mit dem fürchterlichen Lied, die waren mir jetzt näher. Her mit der Realität, sagte ich mir, weg mit den Hauptpersonen!

Und …

Aber es hat mich ja niemand gefragt.

*

Ich habe am falschen Ende angefangen. Schon bei den ersten Szenen sehe ich, dass die Sache nichts mit mir zu tun hat. Die Leute sind viel zu extrovertiert, zu fordernd, zu laut. Was erlauben sie sich! (Keinen Satz hasse ich so wie diesen.) Vor allem, warum beschimpfen sie den Therapeuten? Sorglos sägen sie am Ast, auf dem sie sitzen. Sogar der Analytiker: Sonst die Zurückhaltung in Person, beschimpft er, kaum selbst in die Patientenposition gerutscht, die Analytikerin, von der er sich Hilfe erhofft. Stürzt sich in eine Generalabrechnung, die kein Mensch versteht. Ergeht sich in Andeutungen: analytisches Insidergeschwätz, Verbandsscheiße. Kommt auf lange Zurückliegendes zu sprechen. (Wie sagte mein Taiji-Lehrer, der auch schon eine Weile zurückliegt? „Einmal muss Schluss sein.“) Und hat noch den befremdlichen Vorteil, dass er sich nicht auf Abwesende bezieht, denn die Vergangenheit und die Supervisorin sind eins. Ich verstehe nur Bahnhof, finde die Suggestion von Nähe zwischen ihm und der kühlen Frau aber lächerlich. Habe selten etwas Unglaubwürdigeres erlebt. Sie ist fürchterlich zurechtgemacht, das mal als Erstes, ich denke: ein Bild statt einer Frau. Aber trotz oder wegen ihrer Leblosigkeit, ihrer Mumienhaftigkeit spürt sie das Tote im Geschwätz ihres reizenden Klienten.

Supervision ist wirklich das Letzte (Ehe, seine Ehe, auch): Kinder spielen Erwachsene. Ich hasse es, wenn der kluge Analytiker zu seinen Zeitdiagnosen, seinen philosophisch-politischen Rundumschlägen ausholt: die Welt im Großen usw., der Zusammenbruch der Zivilisation usf. Fox tönende Wochenschau. (Ist verdammt lange her, dass ich den Satz zum letzten Mal gedacht habe.) Wie kommst du jetzt darauf, sagt die Supervisorin, aus alter Freundschaft duzt sie ihn. Sie dachte, er will über Probleme reden, über seine Probleme. Ich sehe den Zusammenhang nicht, sagt sie. Willst du ablenken? Dayan hört sich selbst gern reden (noch so ein Satz aus der alten Kiste). Er hört sich nicht zu, obwohl er doch Analytiker ist, aber er redet gern. Schweigt zu viel in seinem Beruf, denke ich verständnisvoll, da will er auch mal. Aber mein Verständnis ist ohne Empathie: (Blöder Macho, denke ich, oder einfach: blöder Franzose??) Offenbar ist er kein Intellektueller, jedenfalls nicht das, was ich unter einem Intellektuellen verstehe, aber, wie es scheint, ein guter Analytiker. Um es zuzuspitzen (ohne kann und darf): Muss man, wenn man ein guter Analytiker sein will, ein schlechter Intellektueller sein? Dayan ist ein guter Analytiker, obwohl er sich für einen Intellektuellen hält. Wäre er bei sich in Analyse, würde er sich auf den Teppich zurückholen. Nicht mit Kritik, nein, sondern mit der Frage nach der Bedeutung seines Sermons. Da er aber in Supervision ist, redet er sich gewissermaßen um seinen guten Ruf. Geht offensichtlich davon aus, dass er mit dem, was er über das Bataclan zu sagen hat, schon rein logisch gar nicht daneben liegen kann, erstens, weil das Massaker sich soeben erst ereignet hat, und zweitens, weil es über alle Maßen erschütternd war. Da er sich für einen Analytiker nicht nur seiner Patienten, sondern auch gegenüber den Zeitumständen hält, zeigt er sich nicht bloß wie seine Patienten erschüttert, sondern äußert Erschütterndes. (schwadronier)

*

Ich spiele mit der Versuchung, die fünfte Sitzung regelmäßig zu überspringen. (Einmal muss Schluss sein.) Aber was überspringe ich dann als Nächstes? Natürlich die Paartherapie. Was finde ich unerträglicher, Supervision oder Paartherapie? Kann mich nicht entscheiden.

Supervision, auch eine Art Paartherapie? Klingt gut, ist aber bloß geschwollen. (Könnten wir weglassen, was zu nichts führt?)

Also Paartherapie. Die interessiert mich überhaupt nicht, bin ja kein Paar. Aber was für eine Kakophonie! Wie in der Schule. Ruhe!

Können sich nicht benehmen, die Herrschaften, treten aber wie solche auf. Ich verstehe nicht, wieso Dayan sich alles gefallen lässt. Darf man sich überhaupt in Analyse begeben, wenn man nicht wenigstens die Basics des Umgangs miteinander verinnerlicht hat? Können und dürfen: Falls es einen Unterschied gibt, sollte er erarbeitet werden (kleiner Tipp für meine Analyse). Für mich ist alles dürfen (oder vielmehr nicht), für Leonora und ihren Gemahl ist alles können: wenn sie können, dann tun sie’s.

Kann ich echt nicht mit umgehen.

Aber der Name! Leonora, mit dem Ton auf dem A, also: Leonorà. Er ist ein anderes Kaliber als meiner, der mit dem stumpfen e (wie türkisches i ohne Punkt). Leonora ist meine Traumfrau (aber gewiss nicht die Frau meiner Träume): Die Augen kilometerweit auseinander, so dass sie den Gesprächspartner gewissermaßen von beiden Seiten ignoriert, blickt sie wie eine Sybille nicht in die Zukunft, sondern in die − Erklärung. Ihr ist es zu verdanken, dass die, zugegeben, seltenen Exkurse ihres Analytikers ein Echo finden, man spürt, sie hört zu, bei ihr eine Seltenheit. Ich höre ununterbrochen zu und empfinde diese Erläuterungen als eine missglückte Inszenierung. Erst stocken, dann ausholen, dann anbringen: So als käme man in der Praxis nicht voran und müsste sich in die Theorie retten. (Kennen Sie den? hieß es, wenn ein Witz die Situation überbrücken sollte.) Ich finde sie übergriffig, mehr gegenüber der Theorie als gegenüber den Patienten, hölzern und ungeschickt, jetzt mal von der einzigen Fähigkeit des Analytikers aus geurteilt: zu verstehen, was ihm vorgetragen wird. Ich finde das Verfahren unangemessen und abwegig. Es wirft ein schlechtes Licht auf die Methode. Als Bestandteil der psychoanalytischen Situation kann die psychoanalytische Theorie nur wie ein Zitat wirken, gewissermaßen ein Selbstzitat, will sagen bizarr und auch ein klein wenig lächerlich. Kein Wunder, sie ist ja auch die Grundlage.

Wenn Dayan zu einer seiner dürren Erklärungen ausholt, schlafe ich ein, aber Leonora, Leonorà, wacht auf, strafft den kerzengeraden Rücken und lässt die kargen Worte in ihr Herz dringen, ja, wahrhaftig, die kargen Worte in ihr steinernes Herz! Merkt ihr nicht, möchte ich dem Publikum, sogar dem Analytiker zurufen, dass wir Zeuge einer außerordentlichen Vereinigung, eines Wunders von biblischen Ausmaßen sind! Trockene Worte benetzen ein steinernes Herz, und es erblüht. (Deshalb stehen ihre Augen so weit auseinander, damit die Worte eindringen können – macht hoch die Tür, das Tor macht auf!)

Ich hasse es, wenn der Analytiker – analytisch wird. Wenn er die Mechanismen erläutert. Nur wenn er etwas durch sein Gegenteil erklärt, sagen wir Sex als Platzhalter einer echten Beziehung, anderen Böses tun, um eigenes Leid zu verhindern, dann sitze ich wie Leonora auf das Sofakante und spüre, fühle, dass ich selbst Ariane mit ihrem blöden Getue akzeptieren könnte. Warum ich ausgerechnet dieser Deutung, der für mich bei Freud immer ein Moment nicht aufzulösender Willkür anhaftete, auf einmal erhellend und, ja, auch logisch finde? Weil … weiß nicht. Mir kommt es so vor, als würde ich aus dem Geschwätz in die Wirklichkeit treten, aus irgendeiner Erzählung in meine Geschichte.

*

Paartherapie, für mich ist das im Rudel jagen. Dayan ist der Hase (ist ja kein anderer da). Ich memoriere. Die Verhaltenstherapie implementiert die nicht vorhandenen Grenzen. Die Psychoanalyse lässt sich von ihrer Abwesenheit leiten. Von der Tatsache, dass sie nicht vorhanden sind, oder von dem, was man dank ihrer Abwesenheit zu sehen kriegt? Hier liegt der Hase im Pfeffer, ich kann die beiden Dinge nicht zusammendenken. Jedenfalls würde ich sie rausschmeißen, alle beide: Ihr wollt etwas von mir, ich nicht von euch (auch so ein Satz aus der unteren Schublade). Sehen die anders. Er will ihr Geld. Aber das wäre das erste, was ich verbieten würde, wenn ich der Analytiker wäre: den Ast absägen, auf dem die Analyse sitzt. Auf Deutsch: den finanziellen Rahmen erörtern, in dem sie stattfindet. Zwischen Tür und Fahrstuhl kann der Rahmen thematisiert werden, in der Analyse nicht. (Weil es ja der Rahmen ist.)

Kommt wieder, wenn ihr euch darüber im Klaren seid, was ihr von mir wollt, sage ich.

Ich halte das Schild hoch, das ich für Problemfälle bereithalte: Keine Ausfälle, keine Angriffe.

Zu meiner Verwunderung holen sie auch ein Schild von unter ihren Beinen hervor: Wer zahlt, darf alles sagen. Komisch: Auch der Analytiker ermuntert immer wieder dazu. Aber er bezieht sich auf die analytische Grundregel, nicht auf das Geld. Damien, Leonoras jungenhafter Ehemann, sieht das anders: Wer die Stunde gekauft hat, dem gehört sie.

Herr Dayan, Sie werden fürs Einstecken bezahlt.

Warum ausgerechnet fürs Einstecken?

Weil es als einziges zur Bezahlung passt. Wäre es als Dienstleistung anerkannt, dann müsste das Geld nicht unauffällig von der einen in die andere Hosentasche wandern. Damiens Lebensaufgabe ist einstecken, darum spürt und begreift er das Unaussprechliche der analytischen Sitzungen, ihre doppelte Bestimmung, dass sie nicht nur einen Zweck, sondern auch einen Preis haben. Deutlicher, dass der Preis durch etwas anderes geregelt ist als durch den Zweck. Für Damien, der mir von Mal zu Mal sympathischer wird, passen einstecken und bezahlt werden einfach besser zusammen. Besser als was? Na schön, sagen wir, als reflektieren und bezahlt werden. Da das Ziel der Therapie ohnehin nicht erreicht wird und der demütigende Besuch beim Analytiker, auf dies Ziel bezogen, überflüssig ist, füllt es eine Lücke zu sagen, dass das Äquivalent der Bezahlung für den Patienten das Austeilen, für den Analytiker das Einstecken ist. Also eigentlich das, was Damien und Leonora zu Hause unbezahlt tun. (stutz)

*

Adel (Adèl) rechnet in einem fort. Aber anders. Er checkt das Milieu, in das er auf der Suche nach Hilfe geraten ist. Er mäkelt nicht am Einzelnen herum, aber er sieht es, das Einzelne. Das ist seine Aufgabe, sagt er, nichts zu übersehen. Schlüsse ziehen, sein Lieblingswort.

Wer bezahlt das hier und das? Er weist auf die hohen Fenster. (Waren sie hoch? Sind das meine??) Aber er höhnt nicht. Er stellt fest. Er weiß, die Gesellschaft ist gespalten. (Wisst ihr noch, in der Grundschule: Nährstand, Wehrstand, Lehrstand. Wen ernährt der Nährstand und beschützt der Wehrstand? Nicht sich, sondern die anderen Stände. Also, bitte, wundert euch nicht über das, was ihr bereits aus der Grundschule kennt.)

Adel wundert sich nicht an der falschen Stelle. Er skandalisiert nicht das Offensichtliche. Tatsächlich will er was vom Analytiker und bekommt’s.

Mit den heiligen Worten: Er ist bündnisfähig. Er vertraut.

Da er einmal hergefunden hat und immer wieder herfindet, darf er vertrauen, denn er vertraut ja sich, der immer wieder herfindet. Er bleibt damit im Rahmen seiner, ich nenne es mal abkürzend so, alles andere als avantgardistischen Existenz. Dayan kann nur versuchen, dem von Adel gesetzten Niveau zu entsprechen, einem Niveau jenseits von Ironie und bürgerlicher Rhetorik. Er kann nur versuchen, bei der beständigen Prüfung, der Adel ihn unterzieht, nicht durchzufallen.

Auch bei Camille strengt er sich an, ist es ihm wichtig, nicht durchzufallen. Camille hat Vertrauen (nicht von vornherein, aber sie lernt es). Sie ist noch ein Kind. Was wäre ein Kind ohne Vertrauen und Lernfähigkeit? Ich will nur sagen, diese Fähigkeiten haben nicht primär mit der Analyse, sondern mit der Kindheit zu tun. So wie Adels Vertrauen primär mit seiner Herkunft und mit seinem Schicksal zu tun hat. In seiner Situation, medizinisch bei seiner Vorgeschichte, bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, als alles zu wagen und zu vertrauen.

*

Ich frage mich, wie es kommt, dass immer die andern schuld sind. Warum sind immer die unschuldig, die gerade in Analyse sind? Warum müssen ausgerechnet sie gestützt werden? Ich finde das doppelt gemoppelt: beschützt sein und gestützt werden. Kann der Analytiker nicht sagen: Sie sind nicht allein. Also, rappeln Sie sich auf, nehmen Sie sich gefälligst zusammen. Jetzt oder nie ist die Gelegenheit dazu!

Sagt er ja: Trauen Sie sich. Ich bin bei Ihnen. Jetzt können Sie alles sagen.

Warum sagt er nicht: Mit meinen Gedanken bin ich bei Ihnen. So können Sie mutig an die andern denken. Ich halte unterdessen die Stellung!

Macht er ja auch, wenn er Camille ermuntert, sich zur Abwechslung in ihre Mutter hineinzuversetzen anstatt, nun ja, sich eine Symbiose mit ihrem Vater zu erfinden.

Schön und gut, das mit der Mutter, obwohl, ich weiß nicht, ich finde es grenzwertig. Warum soll Camille sich um diese Träne von Mutter kümmern? Muss sie das, wenn sie sich um sich kümmern will? Ist es das Geheimwissen des Analytikers, dass es sich lohnen würde? Dass sich gar hinter der Miene der Verstörtheit eine ganz tolle Frau verbirgt?

Dayan ist nichts so wichtig, als seine Patienten zu entlasten: „Sie sind nicht schuld.“ Der Satz ist verbraucht. („Ich bin nicht schuld, sagt der Kapo ...“) Um noch eins draufzusetzen: „Schuld sind die andern, die Erwachsenen.“ Ein durch und durch überflüssiger, ein verdächtiger Satz. Hat Dayan doch keiner gezwungen zu sagen, wer schuld ist, wenn sie nicht schuld sind. Reicht doch, wenn er zu seinen Patienten sagt; „Sie sind nicht schuld!“ Immer braucht er einen Täter. Was, wenn Camilles Vater zu ihm in Analyse käme (der macht ja auch Miene). Wird er in guter Correctness dazu gebracht, sein Tätersein anzuerkennen (Verhaltenstherapie!), oder wird Dayan für ihn einen Täter finden, einen eigenen Vater, eine womöglich missbrauchende Mutter?

Was mich wild macht, ist dieses Finden. Suchen ist ja okay, aber finden! Ich finde das nicht – psychoanalytisch. Für mich hat Psychoanalyse immer mit dem Nicht zu tun, und wenn ich Freud schon frühzeitig über alle anderen stellte, die mir was erzählen und erklären wollten, dann weil Opfer und Täter für ihn ein und derselbe waren, ich meine perspektivisch, in der Rolle zwar unterschieden, in der Person aber eins. Hinterher, wenn die Analyse zu Ende war, waren sie eins.

Die Aufgabe des Analytikers, memoriere ich, ist es, das Trauma in den Kopf des Analysanden zurückzubefördern, dahin, wo es hergekommen ist, von wo es seinen Ausgang genommen hat. Das ist das subjektive Ziel, setze ich hinzu, denn ich habe noch ein anderes im Auge. Das objektive Ziel ist, die unschuldige Welt dem Missbrauch durch Menschen zu entziehen, die sich über sie ergießen wie ein schlecht gestockter Pudding. Warum? Weil sie sich selbst in Ermangelung eigener Substanz nur auf fremdem Gebiet spüren können. Wären sie sich selbst genug, müssten sie nicht überschwappen, wären nicht länger Pudding, sondern Person, ein unspektakulärer Teil einer durch sie nicht länger entstellten Welt.

*

O je, hätte ich das lieber nicht sagen sollen, das mit dem Pudding und dem Objektiven?


Quelle: http://www.ilsebindseil.de/txt/txt34.html.

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