Ilse Bindseil

Antisemitismuskritik als Projektion

Anstöße

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In der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Karl Marx und der Kapitalismus, die vom 10.Februar bis zum 21.August 2022 in Berlin gezeigt wird, fiel mir zum ersten Mal die Nähe der Erklärungen, die den Exponaten beigegeben sind, zur „leichten Sprache“, dem sogenannten leichten Deutsch, auf. Leichte Sprache stellt sich leicht selbst ein Bein, und sie ist auch nicht so einfach. Unbarmherzig bringt sie die Überdeterminiertheit, die hoffnungslose Überforderung der Sprache ans Licht, soll sie doch gleichzeitig der Logik der Sache folgen und die Sache der Logik vertreten. An einer Stelle schien mir diese an sich recht faszinierende Nähe denn auch überschritten, wo es zur Erläuterung von Marx’ fraglichem Antisemitismus heißt, der von ihm vertretene Bezug zwischen Judentum und Geld sei falsch, er sei ein Vorurteil. Es folgt der Verweis auf den historischen Zusammenhang, der das Vorurteil materiell freilich ebenso gut begründet wie der Form nach widerlegt. Zu wenig haben dogmatisches Vorurteil und historisches Urteil miteinander zu tun, als dass das eine über Recht und Unrecht des jeweils anderen entscheiden könnte, speisen sie sich doch aus verschiedenen Quellen. Wem an Aufklärung gelegen ist, befindet sich daher wie im chronischen Zustand der Erwartung, jetzt gleich, in der nächsten Sekunde, werde das Vorurteil dem Druck der Tatsachen sich beugen, sich buchstäblich in nichts auflösen, in der Welt der Schemen verschwinden. Stattdessen erhöht sich der Druck, solches Verschwinden zu bewirken. Was nur eine interesselose Berichterstattung als dem eigentlichen Gegenüber des Vorurteils bewerkstelligen kann, das soll der schlagende Beweis, auch das Macht gestützte Rechthaben erledigen. Als Ausdruck solchen Rechthabens sind Urteil und Vorurteil aber immer nur Konkurrenten, aufeinander angewiesen, einander fördernd und am Leben erhaltend, niemals das, was sie doch sein wollen, einer des andern Totengräber. Offenbar hat die Historie über die von ihr erarbeiteten Tatsachen so wenig Verfügung, dass sie sie mit dem enragierten Urteil teilen muss.

In der Moses-Mendelssohn-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin, die zur gleichen Zeit zu sehen ist, wird der Erlass Friedrichs II. in Übergröße an die Wand geworfen, der den Juden die Ausübung jeglichen ernsthaften Handwerks sowie den Handel mit den Erzeugnissen solchen Handwerks verbietet, sie also in genau jenen Bereich verbannt, der im Antisemitismus mit dem Juden aller Zeiten verbunden wird, bis hin zu jenem Punkt, an dem die Sache mit der Person verschmilzt. So gewaltvoll ist dieser in Übergröße gespiegelte Erlass, so krass in ihrer kargen Anordnung an der weißen Ausstellungswand die Wiedergabe, dass der Übergang von simpler Tatsache zu beinahe fühlbarem Urteil, die Transsubstantiation des einen in das andere vollzogen wird. Offenbar gibt es eine Konstellation unsublimierter Machtausübung, die das Vorurteil tatsächlich auf den zweiten Platz verweist. In dieser Konstellation hat sich die Gesellschaft noch nicht in eine idealistische Version ihrer selbst verdoppelt, die genau das verleugnet, was sie praktiziert. Macht macht das gedankenvolle Vorurteil überflüssig.

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„Judenfeindlichkeit war ein konstituierender Bestandteil der sogenannten abendländischen Kultur und ist vom modernen Antisemitismus nicht zu trennen“, lautet in konkret (5/2022, S. 48f.) das einleitende Summary von Sabine Luekens Rezension des Buches von Tilman Tarach, Teuflische Allmacht. Über die christlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus und Antizionismus (Freiburg 2022). Die im Grunde selbstverständliche Aussage – denn wie sollte der abendländische Antisemitismus mit dem christlichen Abendland nicht innig verwoben sein −, rumorte in meinem Kopf: War in der provozierenden These, ungeachtet der latenten Tautologie, ein Widerspruch am Werk, etwas, was die spezifische Antisemitismuskritik durch Totalisierung entschärfte oder umgekehrt der Kritik der abendländischen Kultur durch ihre Bindung an das Besondere das Allgemeine nahm? Ich war der Sache nicht auf den Grund gegangen. Vielleicht war es ja die im Summary nur angedeutete Absicht des Autors, das Verhältnis von abendländischer Kultur und Antisemitismus umzudrehen und den Antisemitismus von einem verhängnisvollen Grund zu lediglich einer Erscheinung, einer Unterkategorie der abendländischen Kultur als des eigentlichen Verhängnisses herabzustufen. Eher konnte man wohl von einer unterschwelligen Instrumentalisierung ausgehen als von einer bewussten Entscheidung.

Die vielleicht bloß der verdichtenden Form des Summary geschuldete Doppeldeutigkeit interessierte mich, stand doch die Spezifik des Antisemitismus und seiner Kritik auf dem Spiel. Bei dieser Kritik noch eins draufzusetzen, sie durch Totalisierung gewissermaßen zu übertrumpfen implizierte einen Wechsel nicht nur des Gegenstands, sondern auch der adressierten Personen. Wenn es nicht bloß um den Antisemitismus, sondern um das Abendland − als erweiterte Form des Antisemitismus − ging, dann ging es nicht länger bloß um die erklärten Antisemiten, viel mehr noch um die andern, die mit ihm nichts zu tun hatten und in diesem Grundgefühl getroffen werden mussten. Ihnen nachzuweisen, dass sie Antisemiten waren, verschob das Interesse an der kruden Sache auf den Begriff, der sie recht eigentlich konstituierte; er trug die Beweislast. Nicht dem Abendland den Antisemitismus, sondern dem Antisemitismus das Abendland zu subsumieren, brachte Letzteres bloß auf den Begriff. Gesiegt hatte das Urteil und seine Sphäre, nicht die Sache und ihre Wirklichkeit.

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Beide Ansätze erinnerten mich daran, dass es in der Antisemitismuskritik, der theoretisch ambitionierten ebenso wie der gesellschaftspolitisch praktischen, etwas gab, was mit der entschiedenen Ablehnung schlecht zusammenpasste. Etwas anderes als der erwartete Emanzipations- und Aufklärungswille färbte die Kritik, der bizarre Eindruck, der Antisemitismus solle nicht geschwächt, sondern wenn nicht im Gegenteil gestärkt, so in irgendeiner Form erhalten werden. Das bei allem kritischem Furor weitgehende Fehlen einer konstruktiven Absicht, auch einer von den eigenen guten Absichten beflügelten Hoffnung musste befremden, und befremdlich war auch die Ersatzfigur, die angeboten wurde: Der Antisemitismus sollte nicht aufhören, sondern er sollte verboten werden, der Sinn lag in der Verhinderung. In dieser Konstellation war es in Ordnung, wenn der Antisemitismus bis in alle Ewigkeit, wie die Kinder sagen, bestehen blieb, denn nur so konnte er bekämpft werden; cetero censeo usw. Das war eine Verschiebung, und wie alle Verschiebungen enthielt sie etwas Endloses und bei aller aufrichtigen Absicht etwas Trübes.

Dabei ging es nicht um Kumpanei mit dem Kritisierten, sondern um etwas anderes. Zwischen der guten Absicht, den Antisemitismus zu überwinden, und der bösen, ihm formelle Anerkennung zu verschaffen, musste es eine dritte geben. Man könnte sie eine prozessuale nennen, die nämlich, ihn, da man ihn nicht aufheben kann, unerbittlich und permanent zu bekämpfen. Ein solcher auf Dauer gestellter Kampf, der mit der auflösenden Macht des Arguments und des guten Willens schon gar nicht mehr rechnet, mag sich auf die Vergangenheit berufen. Er ist gleichwohl ein Sprung, aus dem Kontinuum der Geschichte heraus in die metaphysische Konstellation zweier Prinzipien, eines guten und eines bösen. Im profanen Milieu der Gegenwart paart sich der Diskurs entweder mit der staatlichen Macht, wird das Heil doch im Verbot gesucht. Oder aber er wird zu einer rhetorischen Kampfform hochgerüstet und hinter dem trivialen Argument gleichsam die magische Fähigkeit zu treffen gesucht. Erst in dieser letzteren Umwandlung findet die Bezeichnung des Prozessualen ihren vollständigen Sinn.

Auflösung

Der innere Widerspruch der Antisemitismuskritik ist leicht erklärt, überträgt man den projektiven Charakter des Antisemitismus auch auf sie. Verkörpert der im Antisemitismus konfigurierte Jude all das, was die Antisemiten aus ihrer Welt herausschneiden möchten, damit diese anders ist, als sie ist, so verkörpert für die Antisemitismuskritik der Antisemitismus die Welt, so wie sie wirklich ist, sich selbst aber imaginiert sie als gottlob anders. Das entrüstete Zeigen hat als Absicht nicht Aufhebung, sondern im Gegenteil Steigerung. Seine exorzistische Macht bezahlt es mit Leere. Zeugnis legt es ab, nicht von der tragischen Verwicklung der Gesellschaft, sondern von der Lächerlichkeit eines Intellekts, der sich radikalisiert, anstatt sich zu vermitteln.

Dass die Antisemitismuskritik, je mehr sie den Antisemitismus kritisiert, um so weniger von ihm lassen kann, ist auch ein logisches Problem. Nur weil sie selbst Teil des Objekts ist, das sie mit unverbrüchlicher Zielstrebigkeit verfolgt, kann sie es nicht aufgeben, muss sie es, indem sie es bekämpft, vielmehr kultivieren, es in der Form eines verewigten Feindbilds bewahren und bis in alle Ewigkeit an ihm festhalten. Die offenkundige Absicht, zu sich selbst in ein akzeptables Verhältnis treten zu können, erfordert dagegen zu beseitigen, was weder mit dem persönlichen Selbstbild noch mit dem objektivierten gesellschaftlichen Standard vereinbar ist. So elementar solches Bedürfnis ist, bringt es nur ein gereinigtes Selbstbild hervor, das Selbstbild einer Gesellschaft, die, um sich als Projekt entwerfen zu können, die Abspaltung erfindet und darin ihren eigenen Drive hat.

Wie in der antisemitischen Gestalt des Juden gelangt in der Gestalt des Antisemiten der gesellschaftliche Widerspruch zu gesteigerter Deutlichkeit: Die Antisemiten, das sind die anderen. Der Preis für die erfolgreiche Abspaltung ist die Unbesiegbarkeit des Antisemitismus, auch seine latente Totalität, denn Antisemit sein kann jeder. Wie im Antisemitismus selbst wird auch in der Antisemitismuskritik die Deutlichkeit des Objekts mit einer Verdunkelung insgesamt des Zusammenhangs bezahlt. Sie aufzuheben, damit im alttestamentarischen Sinn Licht werde, erfordert, den Antisemitismus ins eigene Selbst und in das der Gesellschaft zu reintegrieren, ihn als das entstellte Eigene anzuerkennen, ihn, wie die Psychologie es mit einem ebenso ominösen wie verheißungsträchtigen Wort ausdrückt, zuzulassen. Wird solches Zulassen verweigert, bilden sich, wie soeben erst auf der documenta 15 gesehen, Cluster, in denen Steigerung des Skandals und Verdunkelung des Zusammenhangs Hand in Hand gehen, dabei ungeahnte Zuspitzungen hervorbringen, dramatische Effekte erzielen. Der gesellschaftliche Schaden ist groß, scheint doch nicht nur ein unbegreifliches Böses, sondern das Nicht-Begreifen-Können selbst den Sieg davonzutragen. Nicht nur die komplizierte Schuldfrage, auch so einfache Dinge wie Anfang und Ende, Ursache und Folge, ja sogar Nähe und Ferne sind dann nicht mehr zu klären.


Quelle: http://www.ilsebindseil.de/txt/txt36.html.

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